Grenzen setzen mit Signorino

Signorino stampft durchs Wohnzimmer und ruft immer wieder: „JA! Ich bin ich und das ist gut so! JAAAA!“

Beim „JA!“ öffnet er ganz weit die Arme als würde er die Welt umarmen wollen. Dann wechselt Signorino ins „Nein“ und ruft: „NEIN Dinosaurier! Hier ist eine Grenze erreicht. Ich möchte das nicht. Lass das, Dinosaurier. Ich habe klar und deutlich NEIN gesagt! ES REICHT!“

Dem kann ich nur zustimmen: Zu Leben ist so überraschend, dass fast keine Zeit für alles andere bleibt.

„Da können wir gleich wieder zum Elterngespräch* im Kindergarten erscheinen.“, merkt der Römer an und beobachtet kritisch und amüsiert zugleich unseren Spross. Ich stehe neben dem Römer und betrachte ebenfalls Signorinos Darbietung. Zugegeben, es war nicht die klügste Idee, dass Tante Turtle und ich Signorino diese Übung gezeigt haben, aber es hat sich einfach so ergeben.

Meine Schwester Turtle und ich machten Ende September Bildungsurlaub** in Frankfurt. Es ging um Gelassenheit im Beruf und Alltag und Kommunikation auf Augenhöhe. Dazu wurde der Kurs mit Entspannungs- und Körperübungen bereichert. Viele davon fand ich überaus spannend und nützlich für den Alltag (z.B. das Kiefergelenk regelmäßig zu lockern), andere waren etwas weniger mein Fall.

Eine Übung, die zur letztgenannten Kategorie zählte, war die Ja- und Nein-Übung. Neun Teilnehmer:innen und die Dozentin gingen im Kreis durch den Kursraum und wir übten zuerst das Nein. Dazu stampften wir immer wieder fest auf den Boden, riefen kraftvoll „Nein! Ich möchte das nicht!“ und „Hier ist eine Grenze erreicht! Schluss damit!“. Es fühlte sich für mich, gelinde gesagt, nach Seelenstriptease an, mit neun anderen, zum Großteil fremden Personen, durch den Raum zu poltern und einem nicht vorhandenen Gegenüber Grenzen zu setzen. Nach 15 Minuten wechselten wir ins kraftvolle Ja. „JA! Ich bin ich und das ist gut so!“, „Ja! Ich bin wichtig!“ und „Ich sage JA zu mir.“ rief jeder für sich immer wieder aus. Dazu gingen wir beschwingten Schrittes durch den Kursraum, die Arme baumelten locker am Körper entlang und unsere Parade bildete immer noch einen Kreis. Es war etwas weniger unangenehm, aber auf einer Skala von 1 bis 10, wobei 10 der Kategorie „im Erdboden versinken“ entspricht, waren wir hier immer noch auf einer lockeren 6,5. Als die Schülertruppe im besten Teenageralter am Fenster des Kursraumes vorbeitrottete und kichernd hineinstarrte, wurde mein persönliches Schamlevel auf eine solide 8,5 bis 9 angehoben.

Einige Tage nach Kursende kam Turtle zu Besuch, um mit Signorino und mir eine Pizza zu essen und zu spielen. Wir Erwachsenen unterhielten uns vor Signorino über diese Übung und wie unangenehm sie mir war. Signorino hörte gespannt zu und wollte wissen, wie diese Übung von statten ging, also machten wir sie ihm vor. Im heimischen Wohnzimmer, im sicheren Rahmen mit meinen Lieben, war die Übung vollkommen in Ordnung. Turtle und ich stampften kraftvoll auf den Boden, riefen „Nein! Ich will das nicht!“ und „Geh weg! Hier ist eine Grenze erreicht!“ und Signorino kringelte sich vor Lachen auf dem Boden, um dann wenig später mit einzusteigen. Signorino hatte auch gleich eine Persönlichkeit in seinem Leben mitgebracht, zu der er kraftvoll „Nein“ sagen wollte: Ein Dinosaurier!

Wir machten mit und sagten abwechselnd und kraftvoll Nein zu einem Stegosaurus, um dann wenig später einem Brachiosaurus (Signorino ist großer Dinofan und kennt alle Namen) unsere Grenze aufzuzeigen. Dabei führte uns der kleine Dinofan an: „NEIN, Dinosaurier. Hier ist meine Grenze erreicht. Ich möchte das nicht. Pfoten weg!! Ich habe klar und deutlich NEIN gesagt, Brachiosaurus. Es reicht! Schluss damit!“ Dazu machten wir Box- und Trittbewegungen und lachten uns alle drei schlapp. Mit dieser Gruppe aus Signorino und Turtle machte die Übung wirklich Spaß. Dann wechselten wir ins Ja. Turtle und ich machten vor, wie man kraftvoll „Ja“ sagt. Wir polterten wieder durchs Wohnzimmer, riefen immer wieder „Ja! Ich bin ich und das ist gut so!“ und „Ja! Ich sage JA zu mir und meinen Entscheidungen.“ Signorino führte uns abermals an und gab den Takt vor. So ging das mindestens eine halbe Stunde, in der wir entweder einem Dinosaurier die Grenzen aufzeigten oder Ja zu uns und unserem Leben sagten. Es war kurios, aber gleichzeitig ein riesen Spaß!

Als der Römer heimkam, zeigte Signorino ihm, was er von Tante Turtle und Mama gelernt hatte. „Mamma mia, ’sti tedeschi. Chi lo sapeva prima di trasferirsi qui. [Meine Güte, diese Deutschen. Wer hätte das vor seinem Umzug nach Deutschland auch nur ahnen können!].“, kommentierte der Römer augenzwinkernd.

Hoffen wir einfach, dass wir zumindest das Elterngespräch über das auffällige Verhalten Signorinos umgehen können. 😉 Oder vielleicht drücke ich Signorinos Erzieherin einfach einen Flyer zum Thema Bildungsurlaub in die Hand und nicke vielsagend?

So ein Bildungsurlaub ist doch eine gute Aussicht, oder?

*Das Elterngespräch, das nach Signorinos Flucht aus dem Kindergarten folgen sollte, hatten wir bereits. Danach folgten noch einige, weitere Elterngespräche und wir sind in einer Eruierungsphase. Alles sehr anstrengend. Mal schauen, wo das hinführt.

**Bildungsurlaub: In einigen deutschen Bundesländern steht einer bzw. einem Angestellten eine Woche Bildungsurlaub pro Jahr zu. Dies dient der politischen und beruflichen Maßnahme. Bei voller Lohnfortzahlung kann man eine zertifizierte Weiterbildungsmaßnahme für eine Woche besuchen. Dies können Yoga-, Kommunikations-, Entspannungs- oder Computerkurse oder auch Töpfern in der Toskana (sofern dieser Kurs im jeweiligen Bundesland anerkannt wird) sein. Für Turtle und mich war die einfachste Möglichkeit einen Kurs bei der VHS Frankfurt (Werbung, unbezahlt und unbeauftragt) zu machen und so wählten wir einen hochinteressanten Kommunikationskurs. Außer dieser Übung, die absolut nicht mein Fall war, empfand ich den Bildungsurlaub als eine unheimlich fruchtbare Zeit.

11 Kommentare

Hinterlasse eine Antwort zu wgnaunyn Antwort abbrechen