Winterzeit: Schichtarbeit

„Nur noch die Schneehose.“, sage ich zu Signorino. Dieser guckt skeptisch und runzelt die Stirn. Es scheint, als würden diese Kleidungsschichten kein Ende nehmen. Und dass die Schneehose die letzte Schicht ist, ist natürlich geflunkert. Denn es fehlt noch die Jacke, die Mütze, der Schal und die Handschuhe. Ach ja, und der Helm. Aber dann, dann ist das Kind angezogen. Zumindest für den Moment.

Jeden Wintermorgen geht das so. Signorino und ich – gefangen in der Tätigkeit als Schichtarbeiter. Schicht um Schicht wird das Kind wintertauglich, schneetauglich und minusgradtauglich angezogen, auf dass er sich nicht verkühlen möge und wir Eltern Kind-Krank-Tage nehmen müssen.

An einem gewöhnlichen Tag unter der Woche – bei -7 Grad und Schnee – fängt unser winterlicher Kleiderzirkus mit Unterwäsche an, klar! Im Sommer wären wir hier schon beinahe am Ende des Bekleidungswahnsinns: T-Shirt, Shorts, Sandalen, eventuell noch einen Sonnenhut und der Drops wäre gelutscht.

Aber es ist Winter und wir wohnen in Mitteleuropa. Besagter Drops ist in dieser Jahreszeit kein Drops, sondern eher ein Kaubonbon. Egal wie sehr Sie es auch versuchen mögen, es verschwindet einfach nicht.

So kommen jetzt die Socken an die Kinderfüße, gefolgt von einer Schicht Leggings, die die dünnen Kinderbeine vor der Kälte schützen sollen. „Ha!“, werden Sie sagen. „Den Schritt könnte man locker vereinfachen, indem man dem Kind Strumpfhosen anzieht.“ Sie haben vollkommen recht, aber Signorino kann Strumpfhosen nicht ausstehen. Der Kompromiss ist hier bereits die Leggings. Sein Motto ist „Vive la liberté!“ und wenn‘s nur die Freiheit an den Füßen ist. Strumpfhosen sind deswegen keine Option. Darüber kommt eine warme Stoffhose, die furchtbar ins Stocken gerät, wenn man sie über eine Leggings ziehen will. Ich reiße, ziehe und mühe mich ab. Auf meiner Oberlippe bilden sich die ersten, zarten Schweißperlen.

Dann bekommt das Kind einen Rollkragenpullover übers Unterhemd gezogen, wobei der niedrige Rollkragen nicht von der Schalpflicht entbindet. Weiter geht es mit einem Kapuzenpullover mit Reißverschluss.

Schließlich kommen wir zur Outdoor-Schicht: Allen voran wird die Schneehose übergestreift. Dadurch, dass ich jedes Mal vergesse, dass dieses Teil Hosenträger hat, die man möglichst vorher aus dem Inneren der Schneehose herausfischen sollte, stoße ich hier bereits an meine Grenzen. Die Hosenträger hängen in der Schneehose wie ein Beckengurt und das Kind steckt bereits in besagter Hose. Um diese Hosenträger jetzt herauszufischen, müsste ich das Kind wieder aus der Hose rupfen. Dazu der Zeitdruck! Ich beschließe, dass das jetzt so bleibt. Aus lauter Frust und Unbequemlichkeit („Mama! Das kneift am Popo!“) werde ich sie irgendwann abmontieren. Sofern ich daran denke.

Dann springt das Kind in die Winterboots. Dabei wird er nicht müde zu betonen, dass er da eigentlich gar nicht reinpasst. „Klappt nicht!“, sagt er und guckt mich traurig an. „Ich helfe dir.“, biete ich an und mein Pony klebt bereits an meiner verschwitzten Stirn. Und siehe da: Die Winterboots passen doch. Sie sind nur blöd anzuziehen. „Das muss ich mir fürs nächste Jahr notieren, dass die blöd sind.“, denke ich noch und vergesse es im selben Augenblick. Nächstes Jahr kaufe ich vermutlich die gleichen Winterboots – in einer Größe größer.

Dann kommt die Jacke. Noch schnell den Reißverschluss zugemacht, dann den Klettverschluss über dem Reißverschluss geschlossen, damit es nicht am Bauch zieht. Jetzt fehlt nur noch der Schal, die Mütze, der Fahrradhelm und die Handschuhe, die bitte nicht so lange auf der Heizung liegen dürfen, denn sonst sind sie „zu heiß!! Hilfe! Hilfe! Ich verbrenne! Ruf die Feuerwehr, Mama“. Die Dinger sind laut Signorinos Aussage so heiß wie Ofenkartoffeln, deswegen will er davon absehen, sie zu tragen.

Ein Kind – 1000 Schichten.

Am Ende ziehe ich mich an: Jacke, Schuhe, Mütze, fertig. Keine 20 Sekunden hat es gedauert und länger darf es auch nicht dauern, denn wir sind schon wieder spät dran für den Kindergarten. Wenn das blöde Bett morgens nur nicht so warm und bequem wäre!

Ich stopfe mir noch schnell Signorinos Handschuhe in die Jackentasche, denn sicher wird ihm gleich furchtbar kalt sein. Dann schließe ich schwitzend die Wohnungstüre.

Schließlich rollern wir zum Kindergarten los.

Nach zwei Metern an der frischen Luft bemerkt das Kind, dass es „sooooo kalt“ sei ohne Handschuhe. Ich ziehe seine Handschuhe aus der Jackentasche und siehe da, die Handschuhe sind jetzt nicht mehr ofenkartoffelwarm, sondern genau richtig. Sicherheitshalber vergräbt Signorino seine Hände mitsamt den Handschuhen in den großen Jackentaschen seines Winterparkas. Dann lehnt er sich mit der Hüfte gegen den Rollerlenker und ich darf ihn dann irgendwie durch den Schnee schieben, hieven und manövrieren. Auf meine Bitte, ob er auch mithelfen könne, kommt ein „Ich helfe dir Mama.“ Wie genau die Hilfe aussieht, kann ich nicht erkennen und so antworte ich: „Ja, aber du hilfst mir am meisten, wenn du die Hände am Lenker hast.“ Das sage ich fröstelnd und schwitzend zugleich, denn das Kind wiegt 18 Kilo, die wie ein Sack Kartoffeln am Lenker lehnen, während ich in der dünnen Jeans mit den modischen Löchern, ohne Schal und Handschuhe, über Eisplatten schlittere. „Mama! Es ist sooo kalt.“, lamentiert der Sohn, der eingepackt ist wie eine russische Matrjoschka-Puppe. Dazu guckt er mich mit seinen großen Knopfaugen an und fängt wieder an über die Kistenraupe zu sinnieren, deren Leistung deutlich über der meinen liegen würde.

Endlich angekommen am Kindergarten reagiert der elektrische Toröffner nicht. Erst beim vierten Mal tut er, was er soll. Meine Hände sind Eisklumpen, die das eiskalte Eisentor aufschieben und das Kind bitten, eigenständig hindurch zu rollen.

An der Kindergarten-Garderobe angekommen, bin ich froh, dass das Kind nur die Hälfte der Kleidungsstücke ausziehen muss. So werden Jacke, Schneehose, Mütze, Schal, Handschuhe, Winterschuhe und die Pulli-Jacke abgestreift und irgendwie an seinem Garderobenhaken verstaut, wobei die Winterhose immer wieder vom Haken rutscht. Wir scheinen nicht die einzigen mit diesem Problem zu sein, denn überall liegen Schneehosen auf dem Boden oder halb auf dem Bänkchen. Wie gefallene Krieger sehen sie aus und es scheint, als würden sie stumme Zeigen eines harten Jobs sein. Ich möchte nicht mit ihnen tauschen. Oder doch? Verschwitzt, geschafft und müde von all dem An- und Ausziehen ziehe ich dem Kind seine Dino-Hausschuhe an. Es scheint mir, als wären finnische Saunawochen in diesem Kindergarten, so heiß ist es. Das Kind zieht mir währenddessen die Mütze von den schweißnassen, ungekämmten, in alle Richtung stehenden Haaren. Ich lächle müde, streife die Mütze wieder über und ein Schweißtropfen tropft von meiner Nase. Dann verabschiede ich Signorino, der aufgeregt in den Gruppenraum läuft. Momentan mag er den Kindergarten sehr.

Ich gehe aus der Kindergartentür und mein T-Shirt klebt an meinem Körper. Vermutlich kann ich es auswringen, würde ich das wollen. Aber ich will nicht.

Winter in Frankfurt. Mit all seinen Vor- und Nachteilen.

Also geht es wieder raus in die Kälte, um wenig später im heißen Supermarkt zu stehen und Butter, Suppengrün und einen Sack Kartoffeln im Angebot zu kaufen. Schwitzend stehe ich an der Kasse und ziehe automatisch die Mütze ab, da fallen mir wieder die schwitzigen, strähnigen, ungekämmten Haare ein. Beschämt ziehe ich die Mützen wieder auf und schwitze weiter. Auch hier herrschen Temperaturen wie in den Tropen. Endlich bin ich dran und lege meine Artikel aufs Kassenband. Piep, Piep – 7,59€ – Mit Karte bitte! Sammeln Sie die Treuepunkte? Ich schüttle den schweißnassen Kopf. In meinem Dekolleté hat sich mittlerweile das kaspische Meer gebildet. Ich stopfe die drei Artikel in meinen Einkaufsbeutel. Kassenzettel? Ich nicke. Bitteschön. Tschüss! Schönen Tag.

Wenige Augenblicke später stehe ich wieder in der Kälte und schlittere mit einem 3 Kilo Sack Kartoffeln und den anderen beiden Gegenständen nach Hause. In der Wohnung streife ich die Schuhe ab, drehe die Heizung mit den Worten „Ist das aber heiß hier drin“ zurück und lüfte stoß. Schnell die Jacke ausgezogen und die Mütze abgestreift. Dann verräume ich die Kartoffeln, die Butter und das Suppengemüse und fange an zu frösteln. Ich setze Teewasser auf und mache mir eine große Kanne Tee. Nach 5 Minuten schließe ich die Fenster. Brr! Ist das aber kalt hier drin. Ich drehe die Heizung hoch.

Am Schreibtisch ziehe ich mir das zweite Paar warme Socken an und hänge mir den Poncho-Schal um, der groß wie eine Decke ist. Dann gieße ich mir warmen Tee ein, klammere mich an meiner Tasse fest und lese mein Studienskript durch.

Nach 10 Minuten ist es mir unendlich heiß. Ich drehe die Heizung wieder runter. 6 Lektionen und ich hinke meinem Plan hinterher. Bei dem Gedanken komme ich noch mehr ins Schwitzen.

So kämpfe ich mich durch den Vormittag, wärme mir mittags die Pizza von gestern Abend auf und öffne das Küchenfenster, damit es nicht beschlägt. Mir wird ein bisschen kalt. Also schließe ich es wieder. Ein schnelles Mittagessen, dann kümmere ich mich um die Wäsche und hole den Sohn vom Kindergarten ab, um ihn Schicht um Schicht wieder warm einzupacken, nur um ihn 10 Minuten später daheim wieder auspacken zu können.

Doch der Sohn hat andere Pläne. Er will unbedingt auf den Spielplatz. Fröstelnd stehe ich daneben. „Mama!Es klappt nicht.“, ruft der, der den Schneemann bauen will. Mit bloßen Händen rolle ich die Schneekugel bis sie beachtlich groß ist. Meine Hände pulsieren und sind schweinchenrosa. Es ist so furchtbar kalt. Nach 20 Minuten Schneemannbauen steht der weiße, kugelige Kerl am Rande des Spielplatzes. Eh ich Stöcke für die Arme suchen kann, wirft Signorino den Schneemann um und lacht laut. „Mama! Nochmal!“, ruft er. Ich schüttle den Kopf. Ne, das tue ich mir nicht nochmal an. Wir diskutieren. Am Ende verspreche ich ein Eis am Stiel, damit wir gehen können. Die Taktik geht auf. Meine Bitte, dass Signorino vielleicht selber seinen Roller fahren könne und nicht geschoben werden muss, verhallt im Nichts. Ich beschwere mich weiter und der Sohn kommentiert schließlich, dass er so müde vom Schneemannbauen ist. Bei diesem Satz schnellt meine linke Augenbraue hoch und ich bitte sie, sich zu entspannen. Er meint es sicher nicht so. Ich schiebe ihn also auf seinem Roller heim, während er lässig mit der Hüfte gegen den Lenker gelehnt ist. Meine Hände sind immer noch heiß und pulsierend.

Das wäre ja meine Lieblingsbeschäftigung. Im warmen Onsen mit dem Kind.

Daheim angekommen ziehe ich das Kind aus. Der geschmolzene Schnee unserer Winterschuhe bildet den Baikalsee im Eingangsbereich nach. Ich wische alles auf und wenn ich schon dabei bin, feudel ich die Küche auch noch durch. Ach ja – und das Wohnzimmer. Das hat auch schon länger keinen Mop mehr gesehen. Mein Pony klebt mir abermals an der Stirn.

Abends plumpse ich todmüde ins Bett. Es ist angenehm warm – nicht zu kalt und nicht zu heiß.

Vielleicht sollte ich besser im Bett überwintern?

20 Kommentare

    • Nein, nein! Ich wollte nur bildlich darstellen, wie viele Schichten das Kind trägt. 😄😄
      Für die ordentliche Aufreihung hätte ich gar keine Zeit morgens. Ein Griff in den Kleiderschrank, die Kleidung schnell auf das Sofa geworfen, dann ein „Signorinoooo! Wir müssen los!!!“ und dann geht die Schichtarbeit für uns los. 😃❄️
      Hab ein feines Wochenende und liebe Grüße, Eva

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  1. Eijeijei, was für ein Tag, liebe Eva! 🙂 Es wird Zeit, dass der Frühling kommt! Und mit deinem Signorino solltest du aufpassen, dass du ihn nicht unbemerkt zu einem kleinen Pascha heranziehst. 😉
    Viele Grüße Bea

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    • Ich glaube, der Paschazug ist bereits abgefahren. 🙈😄 Wir lügen uns das ja immer schön mit „Na ja, wir haben ja nur ein Kind. Dann können Signorino auch verwöhnen.“
      Liebe Grüße und einen guten Wochenstart (mit hoffentlich funktionierenden Router), liebe Bea!

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      • Nein, noch ist der Zug nicht abgefahren und ihr tut nicht nur ihm, sondern auch euch einen gefallen, wenn ihr nicht jeden Wunsch erfüllt, weil ihr nur einen Signorino habt, sondern immer ein kleines bisschen mehr auch mal eure Welt darstellt, indem ihr nicht bei allem nachgebt.
        ich weiß, das ist einfacher gesagt, als getan. Aber es dankt euch niemand, wenn ihr ihm jeden Wunsch erfüllt. Spätestens wenn er in die Schule kommt wird er nämlich merken, dass das Leben kein Ponyhof ist.
        Einfach mal versuchen, kleine Launen zu ignorieren. 🙂
        Und ja, noch klappts mit dem netz und der neue Router ist beantragt, es geht also vorwärts. Danke für deine lieben Wünsche und viele Grüße Bea 😉

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      • Keine Sorge, liebe Bea, Signorino bekommt nicht jeden Wunsch erfüllt. Sicherlich bekommt er mehr (immaterielle) Wünsche erfüllt als ein Kind mit (mehreren) Geschwistern, weil wir mit einem Kind mehr Kapazitäten haben. Wir haben mit Signorino einen guten Rhythmus gefunden, so dass die Bedürfnisse jedes Familienmitglieds be- und geachtet werden.
        Ich weiß aber, um was es dir geht: Erzieher:innen, Lehrer:innen und Klassenkamerad:innen, sowie andere Mitmenschen und auch das Kind selbst dürfen ausbaden, wenn das Kind alles ohne Kopf und Verstand bekommt und alles erlaubt ist.

        Juhuuu! Das sind doch gute Nachrichten von deinem Internet. Ich drücke dir die Daumen, dass der Router schnell ankommt! Liebe Grüße an dich, Eva

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      • Ich danke dir Eva, dass du das wirklich nur als einen Rat aus der Ferne angesehen hast und dich nicht grämst. Denn immerhin war es ja eine Form von Kritik. Und ja, mitunter merken Eltern das auch wirklich nicht, dass sie ihren Kindern eher schaden, wenn sie ihnen jeden Stern vom Himmel holen. 🙂
        Aber da ich dich als sehr verantwortungsbewusste Mutter sehe, wird das schon klappen… 🙂
        Und ja, so viel Stress wie ihr in den ersten drei Jahren mit ihm hattet, belohnt man ja nicht nur ihn, sondern auch sich selbst, wenn man nicht jeden Kampf ausfechtet, sondern auch mal fünf gerade sein lässt.

        Danke dir und bis bis demnächst, viele liebe Grüße Bea

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      • Ich danke DIR, liebe Bea und bin immer froh, andere Perspektiven, ja, vielleicht auch Warnungen zu lesen. Und du hast ja auch recht: Man tut und macht und will alles so angenehm wie möglich fürs Kind gestalten und merkt gar nicht, wie man übers Ziel hinausschießt. Wer es dann mit bekommt, seid ihr.
        Ich finde, ein Kind zu haben, fühlt sich oft an wie Wildwasser-Rafting. Man versucht irgendwie im Boot zu bleiben, obwohl die Stromschnellen zum Teil echt heftig sind. 😄 Wenn man dann mal das 2. oder sogar 3. Eis am Nachmittag erlaubt, weil man zumindest für ein paar Stunden auf sanftem Gewässer ohne Schreianfall und ewige Diskussionen schippern will, kriegt man sofort ein schlechtes Gewissen.
        Es ist nicht einfach!
        Hab‘s fein, liebe Bea und bis morgen beim Drabble-Dienstag!

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