Mommy Badass

Eine Spezies, die ich vorher nicht kannte: “Mommy Badass” – die harten Kerle (oder Kerlinnen, um es korrekt durchzugendern) unter den Muttis.

Mommy Badass ist in der Lage alles zu schaffen und zögert nicht darüber zu reden.

“Alsooooo, IIIIIICH…” So fangen typische Mommy Badass Monologe an. Dazu folgt nun ein zehnminütiger Monolog wie abgebrüht dieser Typus Mutter ist.

“…bin ja zwei Tage nach der Geburt direkt Kaffee trinken mit meinen Freundinnen gegangen. Da gibt’s dieses süße Café auf der anderen Seite der Stadt… und wir waren drei Stunden brunchen. Die Kleine hatte ich natürlich schon mit dabei. Sie war ja schon zwei Tage alt. 50 Minuten mit Bus und Bahn waren auch kein Problem. Ich hatte sie im Tragetuch und fühlte mich spitze.”

Ein kleiner Tipp von mir: Machen Sie jetzt nicht den Fehler, diese Spezies mit “Ahs” und “Ohs” zu füttern. Oder noch schlimmer, fragen Sie bitte nicht: “Aber warst du nicht im Wochenbett müde von der Geburt und voll mit Hormonen?” Ich habe es ausprobiert. Es empfiehlt sich nicht.

Frei nach dem Motto “Gib dem Affen Zucker…”, fütterte ich Mommy Badass mit dieser naiven Frage meinerseits. Es schien als hätte ich ihr nicht nur ein Würfelchen Zucker hingehalten, nein, eine ganze Zuckerrohr Plantage habe ich für sie abgeholzt. Das wurde mir aber erst später bewusst. Um nicht zu sagen: „…zu spät bewusst.“

“Aaaalso IIIICH…” , fing ihre Stimme wieder an aufzuheulen, “… hatte k-e-i-n-e-r-l-e-i Probleme. Meine Geburt dauerte ja nur zwei Stunden. Durch Globuli von meiner Hebamme war sie auch ü-b-e-r-h-a-u-p-t nicht schmerzhaft. Es war wie ein langer, ruhiger Fluss. Danach sind wir sofort heim und es lief super: Stillen klappte, das Baby schlief durch, es war und ist wie Urlaub.” erklärt Mommy Badass ausführlich.

“Wow, da warst du aber ein Glückspilz!” gebe ich zurück – ignorierend, dass ich dem Affen nicht nur Zucker gegeben habe, jetzt bewerfe ich ihn auch noch mit Bananen.

“Glückspilz? Also in MEEEEINEM Bekanntenkreis gab es eigentlich niemand, der sich so gehen lassen hat nach der Geburt. Sybille war nach 5 Tagen wieder beim Yoga und Mirella bereitete alles für die große Geburtstagsfeier ihres Mannes vor. 60 Gäste – es wurde extra eine Hütte in den Alpen gemietet. Nur Rachel war gestresst, da sie alles für den zweiwöchigen Dubai Urlaub packen musste. Die war vielleicht durch!” klärt mich Mommy Badass über die anderen Rudelmitglieder ihrer Spezies auf.

“Und was machst DU in deiner Wochenbettzeit? Wellnesurlaub zu dritt? Alles für Weihnachten dekorieren und Plätzchen backen? Eine neue Sprache lernen?” fragt Mommy Badass interessiert.

“Aaaaalso IIIICH..” beginne ich den Satz genauso theatralisch wie sie. “… wollte mich einfach nur an meine Mutterrolle gewöhnen und dem Baby und uns Zeit geben, damit wir uns kennen lernen. Viel kuscheln, schlafen, wann immer es geht, mich von meinem Mann bekochen lassen,… einfach ankommen.”

Mit dieser Aussage hatte Mommy Badass wohl nicht gerechnet. Ihre Gesichtszüge entgleisten.

“Aaaber…” begann sie den Satz. “hast du denn so gar nichts vor??!” fragte sie entsetzt.

“Doch, das habe ich dir doch gerade erklärt, was ich vorhabe. Aaaaalso IIIICH will meinem Körper, meinem Baby und mir Ruhe gönnen. Froh und dankbar für dieses Erlebnis, dass wir alle durchgestanden haben.” erkläre ich ruhig weiter.

Sie schweigt. Und räuspert sich.

“Naja, jede Mutter ist anders, richtig?” versucht sie die Stille zu durchbrechen.

“Richtig!” gebe ich aufmunternd zurück und tätschel ihre Schulter, die seit meiner ehrlichen Aussage nun deutlich hängt. “Aber super, was du alles geschafft hast. Ich bewundere dich!” sage ich, wohl wissend, dass das Wort “bewundern” bei ihr Hochgefühle auslöst.

Sie lächelt stolz und bedankt sich. Im winterlichen Sonnenlicht reflektiert ihr Concealer, der ihre tiefen Schatten unter den Augen abdeckt. Sie sieht aus wie ein müder Panda. Schnell setzt sie sich Sonnenbrille auf, streicht das perfekt geföhnte Haar aus dem Gesicht und verabschiedet sich. Wir drücken uns.

“Ach Mommy Badass. Man darf sich auch mal ausruhen! Das ist keine Schande.” möchte ich ihr zuflüstern. Doch da ist sie schon weg, denn sie muss die 1 1/2jährige von der Tagesmutter abholen um sie zum frühkindlichen Japanisch Unterricht zu bringen.

Selbst japanische Schneeaffen entspannen mit ihren Babys gerne in den warmen Onsen.

Sind die Eier im Eierlikör bedenklich?

Manchmal, ganz selten, aber doch ab und zu, habe ich Lust, folgendes in einem Elternforum zu posten:

“Hallo zusammen, ich habe eine Frage, die mich schon seit längerem beschäftigt. Ich bin schwanger und trinke gerne selbst gemachten Eierlikör. Jetzt hat mir eine Freundin erzählt, dass ich mit dem Verzehr von Eiern aufpassen muss. Was meint ihr? Die Eier sind (theoretisch) nicht roh, aber ich bin doch etwas besorgt. Kann ich weiter meinen Eierlikör trinken oder sollte ich besser auf etwas anderes umsteigen? Ich freue mich auf hilfreiche Antworten.”

Und dann: Feuer frei! 😄😄😄😄

Das Schwiegermonster

Manchmal verstehe ich die Welt nicht mehr. So wie gestern, als ich folgende Geschichte in einem Babyforum laß:

„Ich möchte nicht, dass meine Schwiegermutter unser Baby anfasst oder gar küsst. Das habe ich meinem Mann auch ganz offen kommuniziert. Es ist ihr erstes Enkelkind, aber ich möchte es trotzdem nicht. Daraufhin sagte er, dass dann aber keine „Oma“ das Kind anfassen bzw. küssen darf. Ja, klar. Gleiches Recht für alle! Aber, wenn mein Mann nicht da ist und ich allein mit meiner Mutter bin, darf sie natürlich unsere Tochter knuddeln und küssen. Mama bleibt schließlich Mama. Nur meinem Mann darf sie es nicht sagen. Und überhaupt: mit meiner Schwiegermutter habe ich eh kein gutes Verhältnis.“

Ohne die Vorgeschichte der Verfasserin bzw. das Verhältnis zu ihrer Schwiegermutter zu kennen, tat es mir unheimlich Leid für die Schwiegermutter. Im Forum stimmten der Verfasserin 2/3 der anderen Mütter – unter lautem Gezeter über das eigene Schwiegermonster – zu.

Nur eine Mutter schrieb: „Ich habe drei Söhne. Ohne deine Vorgeschichte zu kennen, hoffe ich, dass keiner meiner Söhne jemals eine Partnerin wie dich anschleppt. Es bricht mir das Herz diese Geschichte zu lesen.“

Die Diskussionen gingen voran, es wurde lamentiert, dass die Schwiegermütter sich gar nicht für die Enkelkinder interessierten und distanziert wären usw. usw..

Mich machte die Geschichte unendlich traurig. Sowohl meine, als auch des Römers Eltern leben mehrere hundert bzw. tausend Kilometer entfernt. Sie können nicht mal eben vorbeikommen. So lernen meine Eltern ihren Enkel Ende Januar (frühestens!) kennen – falls mein Vater reisefähig sein sollte – was wir alle sehr hoffen. Die Eltern des Römers lernen ihren Enkel im März kennen, wenn unser Bambino einigermaßen flugfähig ist und ein Immunsystem hat, dass es ihm erlaubt, den zwei Stunden Flug zu überstehen.

Ich wäre unendlich dankbar, wenn meine Eltern bzw. Schwiegereltern unser Bambino, sobald es da ist, sofort kennen lernen könnten. Seit Monaten fiebern sie auf den Geburtstermin hin, OBWOHL sie schon mehrere Enkel haben. (Das war auch ein Argument – die Schwiegermutter würde sich nicht interessieren, WEIL sie schon so viele Enkelkinder hat) Aber jedes neue Enkelkind ist ein Geschenk für unsere Eltern. Und wir? Wir können es kaum erwarten die glücklichen Gesichter unserer (Schwieger-)Eltern zu sehen. Küssen verboten? Bitte nicht! Es gibt nichts schöneres als Liebe: Die Liebe in der Familie, die Liebe zwischen Großeltern und Enkel, zwischen Geschwistern, Kindern und Eltern. Was wären wir ohne die Liebe?

Selbst meine Schwester Ova, die wahrlich kein großer Fan ihrer slawisch-dickköpfigen Schwiegermutter Sveta ist, schmilzt dahin, wenn sie die Kleinen knuddelt, ihnen bulgarische Geschichten vorliest oder sie ins Bett bringt.

Als ich dem Römer, der nochmal einen deutlich ausgeprägteren Familiensinn hat als ich, davon erzählte, kam nur ein: „Mazza, che persona di merda!“ [Wahnsinn, was für eine sche** Person] aus ihm raus. „Imagina quanto fa male alla nonna di non avere un rapporto col nipote.“ [Stell dir vor wie weh es der Oma tun muss, wenn sie keine Beziehung zum Enkel aufbauen kann.]

Dann wurde er still und sagte nach ein paar Minuten: „Sono molto felice di averti trovato. [Ich bin sehr glücklich dich gefunden zu haben] Du liebst meine Mutter und meine Mutter liebt dich, aber was noch viel wichtiger ist: Selbst wenn es nicht so wäre, dann wüsste ich, dass du meinen Eltern nie das Enkelkind vorenthalten würdest.“

Wenn ich zurück an meine Großeltern, besonders an meinen Opa, denke, dann kommen mir die Tränen. Ein so großartiger Mensch, ein Schlitzohr, dass mich förmlich mit Liebe überschüttete. Liebe in Form von Milchreis mit extra für mich gekauften Marmeladenherzen. Liebe in Form von warmen Kakao, wenn es draußen stürmt. Liebe in Form von „mich überall hin mitnehmen“. Liebe in Form von Ausflügen in den Zoo. Liebe in Form von Aufmerksamkeit. Liebe in Form von warmen Umarmungen. Liebe in Form von Begrüßungsküsschen. Und Liebe in Form von schrumpliger Hand mit dem eingewachsenen Granatsplitter aus dem Krieg auf warmer, klebriger Kinderhand.

Ich wünsche jedem Kind, dass es so wunderbare Großeltern haben wird wie es bei mir der Fall war. Und ich wünsche jedem Elternteil, dass es seinen Schwiegereltern nicht verwehrt, das Enkelkind zu sehen, zu umarmen und auch mal ein Küsschen zu geben. Denn die wirklich wichtigen Dinge im Leben habe ich u.a. von meinem Opa gelernt. Mein wunderbarer, loyaler, spitzbübischer Opa.

Biografien sollten verpflichtend sein

„Wie oft hat man schon Gelegenheit jemanden sein komplettes Leben zu erzählen?“ Diese Frage habe ich letztens von einem Strafgutachter im „stern Crime – Spurensuche“ Podcast (ist wahrscheinlich Werbung…) gehört und sie bewegte mich zum Nachdenken.

Wir geben Einblicke in unser Leben. Wir zeigen Momentaufnahmen von diesem oder jenem Moment als wären es Fotoalben aus längst vergangenen Zeiten. Aber wann hat man schon mal die Gelegenheit sein komplettes Leben von A bis Z zu erzählen? Und wäre es vielleicht ein bisschen zu viel auf einmal? Nicht unbedingt für den Zuhörer, aber für einen selbst? Hat man sich nicht schon längst die Highlights aus dem Skript der Vergangenheit markiert, die man je nach Situation vortragen kann? Die kleinen, feinen Geschichten, die man vielleicht hier und da abändert um ein spannenderes Ende zu wählen? Sollte es vielleicht obligatorisch sein, seine Biografie zu schreiben?

Wenn ich an meinen Großvater denke, so bereue ich es, dass ich zu jung war um die wirklich interessanten Fragen zu stellen. Seit Jahren ist es leider zu spät dafür.

Wir waren ein Herz und eine Seele. Er wusste wahrscheinlich alles von mir, da er immer auf mich aufpasste als ich noch klein war. Aber ich wusste nicht viel über ihn. Ein paar Erinnerungsfetzen fallen mir ein, ja.

Er war sehr interessiert am Glauben. Er war im Krieg und hatte Albträume davon. Er vermisste seine Noch-Ehefrau und verstand nicht, warum sie den Kontakt abbrach. Er stritt jedesmal mit seinem Sohn, meinem Vater. Er war ein wunderbarer Opa, aber ein ungerechter Vater. Ein Schlitzohr war er. Den Schalk hatte er stets im Nacken. Klug war er auch – und bekam deswegen ein Stipendium und eine Banklehre, in Zeiten, in denen ein einfacher Näherssohn normalerweise Tagelöhner war.

Aber ich hätte heute so viele Fragen an ihn: Wie war es als 18jähriger im Krieg? Hattest du Angst nie wieder heimzukommen? Wie war es als dein bester Freund vor dir gefallen ist? Und was hast du gefühlt als du vom Kriegsgefangenen Lager heimgeschickt wurdest, weil du der jungen, russischen Ärztin erzählt hast, du hast Malaria? Was hast du gedacht als du meine Oma das erste Mal gesehen hast? Was hast du gefühlt als deine Söhne geboren sind? Was war der größte Moment des Scheiterns für dich? Und wie kamst du darauf einem 12 Wochen alten Welpen, unserem Hund, Haferflocken zu füttern? Hast du deinen Vater oft vermisst als er viel zu früh verstorben ist? Hättest du gerne Geschwister gehabt? Und wie hast du diese fantastischen Pfannkuchen am Freitag immer wieder hinbekommen? Warum hast du damals bei Nebel die Straße nicht bei der 100m entfernte Ampel überquert? Hattest du Angst als du die Scheinwerfer sahst? War der Aufprall schmerzhaft? Und stimmt es, dass du danach tatsächlich nichts mehr Hören und Sehen konntest? Und wenn ja, wie hast du es geschafft mich einen Tag vor deinem Tod mit diesen glasklaren Augen anzusehen während dein Sohn aus dem Zimmer ging? Hättest du gerne deine Urenkel kennengelernt? Und wenn ja, was würdest du mit 97 Jahren von ihnen denken? Warum hast du nie eine Familien interne Biografie geschrieben? Nur für uns Enkel?

Und die wichtigste Frage ist:

Vermisst du mich so wie ich dich?

Eine Hand voll Muscheln und Sand

Bei diesem schmuddelig-kalten Wetter ist mir ein Blogbeitrag in die Hände gefallen, den ich im Urlaub am Strand geschrieben habe. Hoffentlich wärmt er genau so wie eine warme Kürbissuppe, die auf dem Herd vor sich hinköchelt oder die Kuscheldecke auf dem Sofa.

Eine Hand voll Muscheln und Sand bedeuten doch überall Glück, oder? Egal in welche Sprache. Egal mit welcher Währung gezahlt wird. Egal in welchem Land und an welchem Strand.

Eine Hand voll Muscheln und Sand bedeutet Freiheit, salzige Meerluft. Es bedeutet einen Moment sorglos zu sein. Tief durchzuatmen während die Meeresbrise sanft die sonnengebräunte Haut streichelt. Es bedeutet Familien mit Kühlboxen voller Köstlichkeiten, die liebe- und mühevoll zusammengestellt wurden. Es bedeutet Eis, dass viel zu schnell schmilzt und Geschmackssorten, die oft so künstlich sind, dass man sie nur im Sommer am Strand essen kann. Es bedeutet Fußabdrücke im warmen, hellen Sand. Es bedeutet Wellen, die dich umspielen um dich langsam ins Meer zu ziehen. Lauwarmes, salziges Meerwasser, Luftmatratzen in grellen Farben, windschiefe Sandburgen, morsche, ausgeblichene Holzplanken, über die man bis zum Strand balanciert.

Es bedeutet, Urlaubsbekanntschaften an der immer selben Strandbar zur immer selben Zeit zu treffen. Nur die Haut- und Haarfarbe verändert sich. Während die Haare ausbleichen, das dunkelblonde Kleinkind nun fast hellblond ist, wird die Haut dunkler. Bei manchen erst rot – und das in allen Schattierungen, bei anderen ein hübsches braun, dass so wunderbar zum weiten, weißen Leinenkleid passt. Es bedeutet Kaffeeduft und eine große Flasche Wasser, an der die Wassertropfen abperlen und sich ihren Weg bahnen um eine hübsche, kleine Pfütze auf dem Holztisch zu bilden.

Eine Hand voller Muscheln und Sand bedeutet auch Wassermelonenkerne-Weitspucken. Die riesigen, süßen Wassermelonen des Südens mit ihren Rabenschwarzen Kernen. Es bedeutet Schwimmsachen, die im Wind in wenigen Minuten wie von Zauberhand trocknen. Es bedeutet Gummikrokodile, die mit voller Lebenslust von jungen Abenteurern gekapert werden, nur dass sie sie dann wieder ins Meer plumsen lassen, wenn sie nicht aufpassen. Es bedeutet pappsüße Granita, abends, auf warmen Steinstufen zu schlürfen oder zu löffeln.

Es bedeutet fangfrischer Fisch, der wunderbar nach Salz und Meer riecht, gebraten mit ein wenig Olivenöl und Rosmarin auf dem Grill. Beträufelt mit frischer, sonnengelber Zitrone aus Nachbars Garten. Es bedeutet Gemüse aus dem Garten. Gurken, so aromatisch, dass man sich schwört, nie nie nie wieder ihre traurigen Artgenossen in Plastikfolie eingeschweißt im Supermarkt zu kaufen. Es bedeutet warme Nächte, die nur durch den Ventilator und das dünne Betttuch erträglich werden.

Und am Ende des Urlaubs bedeutet es, immer nochmal ein paar Sandkörner im schon ausgepackten Koffer zu finden. Vielleicht auch eine kleine Muschel, die sich keck reingeschmuggelt hat.

Eine Hand voll Muscheln und Sand sind vielleicht die Währung des wahren Glücks auf dieser Erde.

Gjiri i lalzit – verursacht einen Knoten in der Zunge beim Aussprechen, ist dafür aber tausendmal schöner als die Aussprache. Versprochen.

Vorschnelles urteilen

Wenn man nur die halbe Wahrheit kennt, ist man schnell dabei sich eine Meinung zu bilden.

Ich wusste von meiner Mutter, dass sie Ski fahren war als ich noch gut verpackt in ihrem Bauch gewohnt habe. Dieser Fakt belastete mich nicht weiter und ich dachte nie intensiv über die Gefahr nach. Erst als ich es Freundinnen erzählte, die bereits Kinder hatten, merkte ich die Verwunderung in ihrem Gesicht: „Sie war Ski fahren? Schwanger? Weißt du eigentlich wie gefährlich das ist?“

Öhm. Nein. Wenn man keine Kinder hat oder gerade plant, macht man sich darüber keine Gedanken.

Nach dem Grund für ihren Skiausflug fragte ich sie nie.

Bis sie gestern erzählte: „Als ich mit dir schwanger war, wusste ich am Anfang nicht, dass ich schwanger bin. Wir hatten unsere Kinderplanung weitgehend abgeschlossen. Es dauerte etwas bis ich es bemerkte. Also gingen wir Ski fahren – die ganze Familie. Der tiefe, glitzernde Pulverschnee in dem Jahr lud mich förmlich dazu ein auch etwas riskantere Abfahrten zu nehmen. Ein paar Tage später, ich wunderte mich wo meine Monatsblutung blieb, macht ich einen Test. Schwanger! Als ich dann nach zwei Tagen anfing heftig zu bluten machte ich mir solche Vorwürfe, dass ich Ski fahren gegangen bin. Angekommen beim Frauenarzt versuchte er mich zu beruhigen. <<Schonen Sie sich! Heben Sie nicht schwer! Und alles andere regelt die Natur>> sagte er. Ich weinte auf der kompletten Rückfahrt. Diesen kleinen, unschuldigen Menschen wollte ich nicht verlieren aufgrund meiner Unwissenheit. Nach ein paar Tagen hörte die Blutung auf. Ich hatte wieder einen Frauenarzttermin und siehe da: Ein kleines Gummibärchen mit einem kräftigen Herzschlag. Das warst du! Ich hätte nicht glücklicher sein können.“

Das war also die ganze Geschichte. Sie wusste nicht, dass sie schwanger war und machte sich Vorwürfe. Auch nach drei Jahrzehnten schien sie dieses Gefühl immer noch mitzunehmen. „Aber es ging ja alles gut. Und es wäre doch nicht deine Schuld gewesen.“ versuchte ich sie aufzumuntern. „Doch, doch. Es wäre meine Schuld gewesen.“ antwortete sie nach all den Jahren immer noch überzeugt von ihrem Verschulden.

Mütter – in Gänze schätzen lernt man sie erst, wenn man selber zum Elter wird.

Gute Nacht

Es sind die stillen, die feinen Momente, die uns im Leben weiterbringen. Nicht die lauten, in denen man kaum sein eigenes Wort versteht.

Es sind die einsamen, nächtlichen Stunden, wenn alles schläft, die einem ermöglichen die Seele aufzuräumen. Draußen läuft seit Stunden keiner mehr herum, alle schlafen tief und fest in ihren Betten, doch einem selbst, warum auch immer, bleibt der Schlaf verwehrt. So steht man auf, im Schlafanzug, schlüpft in die warmen Hausschuhe, wandert durch’s Haus – ganz ohne Plan was auf diesen Moment folgen soll.

Die Pantoffeln tragen einen in die Küche. Für Kaffee ist es schon zu spät, für ein schlichtes Glas Wasser zu kühl in der Wohnung, aber für Tee könnte es keine bessere Zeit geben. Man setzt das Wasser auf, öffnet behutsam die Teeschatulle und hat endlich einmal Zeit all die Teesorten in Ruhe anzuschauen. Grüner Tee, Schwarzer Tee, Pfefferminztee? Zu laut für diesen einsamen Moment. Früchtetee? Zu aufgeregt. Melisse? Danach hatte ich gesucht. Melisse soll es also sein.

Behutsam wählt man eine Tasse aus. Exemplare aus längst vergangenen Zeiten, die ganz weit hinten im Regal stehen, lächeln einem aufmunternd zu. Wo warst du all die Jahre, meine liebste Pinocchio Tasse? Mit Bedacht packt man den Teebeutel aus, lässt ihn in die Tasse gleiten und stellt sicher, dass die Schnur auch gut befestigt ist. Das sprudelnde Wasser ergießt sich in einer flüssigen Bewegung in dem Gefäß. Leise tickt die Küchenuhr. Tick Tack, Tick Tack, Tick Tack. Sie hat keine Eile, wie es einem untertags scheint. Stoisch verrichtet sie ihre Arbeit. Ohne mahnende Worte. Die digitale Anzeige des Backofens erhellt den Raum nur so viel, dass man nicht komplett blind in der Küche ist. Der Teebeutel wird entfernt. Das Licht ist aus. Doch die Hand kennt die Wege, die sie zum Honig und zu den Löffeln führen. Routiniert lässt man einen Löffel voller Honig, goldgelb und klebrig, in die Teetasse sinken. Leise, aber doch mit einem hellen Klingen hier und dort rührt man um. Drehung um Drehung verschmilzt der Honig mit der hellen Flüssigkeit.

Im Wohnzimmer angekommen, den Tee fest in beiden Händen, steht man am großen Fenster, die Stadt liegt einem zu Füßen. Wolkenkratzer scheinen nie zu schlafen. Stets sind die Firmenlogos und Schriftzüge beleuchtet. Wachsam um keine Sekunde zu verpassen. Die Straßenlaternen stehen wie Soldaten da – der Wind fegt ein paar Blätter durch die Straße. Menschenleer ist es da unten. Doch was ist das? Ein weiteres Licht brennt in unserer Straße. Ein kleines Fenster – 100 Meter zu meiner linken – 1. Stock. Man sieht niemanden. Ob es wohl vergessen wurde? Oder absichtlich angelassen? Vielleicht ein Student, der hektisch auf den letzten Metern seine Master-Arbeit tippt – noch nicht sicher, ob er das Spiel gegen die Zeit gewinnen kann? Vielleicht eine junge Mutter, die versucht ihr doch so waches Kind zum Schlafen zu überreden? Vielleicht eine Nachteule, die während des Tages weder die Ruhe noch die Muße findet, all ihre doch so fundamentalen Gedanken abzutippen?

Ich schlürfe meinen Tee. Die Nacht war mir schon immer die liebste Zeit. Ruhig ist sie, einnehmend, beherrschend. Gleichzeitig liebevoll umarmend, kühl, aber nicht distanziert. Aufregend. Gibt sie doch all die Gedanken Preis die man untertags hektisch weggeschoben hat oder für die keine Zeit waren.

Die Nacht lässt mich nicht gruseln und schaudern – sie offenbart mir Geheimnisse – über mich. Flüsternd erzählt sie mir, dass man nachsichtiger sein soll. Mit sich, mit anderen, mit der eigenen Kindheit, der Gegenwart, der Zukunft. Leise ermahnt sie mich, dass man nicht immer gleich kämpfen muss. Man kann Sachen auch einfach einmal abwarten. Diplomatisch sein. Mühsam versucht sie mir zu erklären, dass ich vielleicht nicht jede Entscheidung von meinen Mitmenschen verstehen kann, dass sie mir aber versichern kann, dass meine Mitmenschen sich viele Gedanken darüber gemacht haben. „Urteile nie über einen anderen, bevor Du nicht einen Mond lang in seinen Mokassins gegangen bist“ haucht sie mir zu und streichelt mir über die Wange.

Ich versuche mir all die Weisheiten zu merken. Doch langsam werden meine Augen schwer. Die Nacht, sie lullt mich ein und begleitet mich zurück ins Bett. Sanft breitet der Schlaf seine Flügel über mir aus und wir heben ab – ins Land der Träume.

Gute Nacht.

Demenz und Nachsicht

Vielleicht ist die Nachsicht das Schwierigste an der Demenz. Denn nach und nach bröckeln die alten Charaktereigenschaften ab wie alter Putz an bunten Fassaden. So sehr man sich auch wünscht, dass neuer Putz an die Wände kommt, so sehr weiß man doch, dass der Fortschritt der Krankheit mit der Zeit bald das ganze Haus angreifen wird. Die Fenster sind plötzlich morsch, obwohl sie letzte Woche noch wie neu schienen. Die Tür quietscht nicht nur, sie fällt aus den Angeln. Man muss zusehen wie es verfällt. Die Hände sind einem gebunden.

Und eh du dich versiehst, ist dein Vater nicht mehr der Fels in der Brandung. Denn er wird von der Brandung stückweise weggetragen.

Man ärgert sich am Anfang. Auch wenn man sich noch so verspricht und gut zuredet, dass man geduldig und nachsichtig ist. Immer schafft man es nicht.

Der Moment, der mir am meisten das Herz bricht, wird wohl immer der sein, in dem Papa seine Körperfunktionen nicht mehr kontrollieren konnte, weil der Kopf zu spät Bescheid sagte und dann dieser 1,82 cm große Mann vor einem steht, beschämt wie ein kleines Kind, mit herabgesenktem Blick – und ich so unendlich sauer wurde. Sauer auf die dreckige Hose, auf die Situation, auf das was passiert ist, wo es passiert ist, wie es passiert ist. Sauer darauf, dass er uns alle beschämt. Zumindest war das mein Gedanke zu diesem Zeitpunkt.

Doch das Beschämenste an der Situation war nicht er – ganz im Gegenteil. Ich war es. Seine eigene Tochter, die ihm nicht gut zuredete, die ihm nicht half, die einfach nur von ihren eigenen Gefühlen übermannt war. Seine Tochter, die vor lauter Überforderung versuchte die ganze Situation zu ignorieren und doch nicht ihren unendlich traurigen Vater mit seiner beschmutzten Hose wahrnahm. Ich schäme mich – für mich. Für mein Verhalten. Für meine Gedanken und Gefühle in diesem Augenblick.

Tage danach erklärte er tief beschämt, dass sein Körper nicht mehr das macht, was er soll. „Er sagt zu spät Bescheid. Dann schaff ich’s manchmal nicht mehr.“ erklärt er traurig und mir bricht es das Herz.

Mein Held, mein Papa, der mich jedes Wochenende die Alpen hoch getragen hat, auf den Schultern, weil ich zu klein und meine Beine noch zu schwach waren. Mein Papa, der immer einen Rat hatte. Mein Papa, der loyal ist – bis zum Ende. Mein Papa, der sich so oft an Süßigkeiten überfressen hat, dass er Mittags keinen Hunger mehr hatte, weil ihm noch so schlecht war. Mein Papa, der hart gearbeitet hat, dass seine Frau und seine Kinder versorgt sind. Mein Papa, der nie an sich selber gedacht hat. Immer nur an andere. Mein Papa, den ich mit meinen 4 Jahren morgens um 5 Uhr weckte, weil ich nicht mehr schlafen konnte. Mein Papa, der mich zum Brötchen holen mitnahm und immer etwas Süßes dabei für mich raussprang. Mein Papa für den nur die Familie zählt.

Doch vielleicht ist der größte Knackpunkt für mich: Ich will mir nicht eingestehe, dass er schwächer wird. Ein Abschied auf Raten. Auf Fragen, auf die er früher bestens antworten konnte, kommt oft nur noch ein Satz mit gesenkter Stimme: „Ich weiß es nicht. Es tut mir Leid, dass ich dir da nicht weiterhelfen kann.“

Doch vielleicht ist es so, dass es besser für uns ist, wenn die wertvollsten Menschen in Raten gehen als auf einmal komplett – von einem Moment auf den anderen. Vielleicht ist es besser, dass man dann nach jahrelangem Kampf sagt: „Es ist besser für ihn gewesen. Ich hab mir für ihn gewünscht, dass er gehen darf.“

Doch noch ist es nicht so weit. Und so kämpfe ich manch inneren Kampf mit mir, damit ich nachsichtiger reagiere. Denn wer weiß wie schnell das Haus verfällt. Noch sind es kleine Schäden, doch auch die großen werden nicht lange auf sich warten lassen…

Tipps zwischen Müttern

Wie die Zeit und die Distanz so spielen wurde aus einer guten Freundin eine gute Bekannte. Ab und zu schreiben wir uns, alle paar Jahre sehen wir uns, aber es ist immer noch ein überaus herzlicher Kontakt zwischen uns vorhanden. Das bedeutet auch, dass wir über die wichtigsten Lebensabschnitte der jeweils anderen informiert sind. Vielleicht nicht mehr so schnell wie damals als wir uns jedes kleine Detail haarklein und brühwarm erzählen mussten, sondern manchmal mit einer gewissen Zeitspanne, aber dennoch: Man weiß Bescheid über das Leben der anderen.

So schrieb sie mir letzte Woche, dass sie und ihr Mann ein Baby planen und fragte wie lange es beim Römer und mir gedauert hat. Es entstand ein nettes und offenes Gespräch und ich erzählte ihr von meinen Erfahrungen und meinen damaligen Gefühlen. Ich thematisierte mein Mitfiebern – jeden Monat aufs Neue – meine Vorfreude, meine Enttäuschung und dann irgendwann meine Resignation bei der es mir egal war wie lange es dauert bis sich der kleine Bambino auf den Weg macht. Und tadaaaa! Genau da klappte es.

Ich drückte ihr die Daumen, dass es diesen Monat klappt und gab ihr einen Tipp, den ich mir damals von meinen Mitmenschen gewünscht hätte: Iss nochmal Sushi! Geh nochmal Carpaccio essen, erfreu dich an Parmaschinken, an Bresaola, an Thunfisch Ceviche. Iss nochmal ein 5-Minuten Ei. Genieße poached eggs mit flüssigem Kern. Denn all das geht mir am meisten ab.

Ihre Antwort kam prompt: Das finde ich lächerlich darauf zu verzichten. Japaner essen doch auch rohen Fisch und rohes Fleisch. Das heißt, wenn mein Körper darauf besteht, dass ich Sushi esse oder Carpaccio, dann tue ich das einfach.

Grundsätzlich bin ich so, dass ich niemanden überzeugen möchte, wenn es um ihre oder seine Angelegenheiten geht. Wenn ich nach Tipps gefragt werde, gebe ich sie gerne, aber ich verteufel keine Ansicht.

Ich schrieb: Ich für mich habe mir gesagt: 9 Monate darauf zu verzichten kriege ich hin. Denn wenn es dann zu einem Abgang oder zu einer Fehlbildung kommen würde, würde ich mir persönlich Vorwürfe machen. Wenn ich aber für mich jedes Risiko ausgeschlossen habe und es trotzdem dazu kommt, dann ist es Schicksal und ich hatte es nicht in der Hand. Das habe ich am Anfang der Schwangerschaft für mich so entschieden. Jede Frau ist anders und jede Frau entscheidet für sich und für ihr Kind, das was sie am Besten findet. Also mach ganz entspannt!

Ich bin nicht dazu da, andere Menschen zu belehren, weil jeder den für sich richtigen Weg findet. Ich verurteile auch niemanden. Für mich habe ich den richtigen Weg gefunden und ich bin mir sicher, dass sie für sich auch den richtigen Weg findet.

Sie bedankte sich für meinen Erfahrungsbericht und das weitere Gespräch verlief im Sand…