Fiktives Highlife im Beruf

Der Andere und ich waren heute auf unserem Betriebsgelände. Mittlerweile arbeitet er aufgrund eines Karrieresprungs für dieselbe Firma, aber in einer anderen Stadt. Ich hingegen bin seit März im Beschäftigungsverbot und war seitdem ein einziges Mal dort – um ihn zu begleiten. Das dauerte geschätzte 5 Minuten.

Heute fragte er mich, ob ich ihn wieder begleiten will. Sowohl sein Firmenausweis, als auch mein (noch vorhandener) Firmenausweis verschaffen uns noch Zugang zu dem Firmengelände in unserer Stadt.

Wir betraten das Gelände und geschäftiges Treiben war zu erkennen. Ich guckte nach bekannten Gesichtern und das ein oder andere konnte ich auch sehen. Jedoch war kein Gesicht so bekannt als das ich hätte grüßen müssen.

Wir gingen einen Kaffee in der Cafeteria trinken, er schmeckte scheußlich wie immer. Der Andere traf einen Kollegen, den ich nicht kannte. Sie unterhielten sich über den Job (über was auch sonst?) und sprachen über Neuerungen. Bei einer Neuerung merkte ich an: „Aaaach? Wirklich?! Seit wann ist das denn so?!“ und der Kollege antwortete: „Seit 2-3 Monaten. Du solltest schon gucken, dass du dich up-to-date hältst. Es ist ja alles veröffentlicht im Intranet.“ Dies sagte er aber sehr freundlich und augenzwinkern. Ich grinste, nickte und dachte an meine gute versteckte Babykugel, die unter einem weiten, schwarzen Top ruhte.

Danach trafen wir einen weiteren Kollegen, der den Anderen freudig begrüßte. Auch ich arbeitete mit ihm – zusammen mit dem anderen – an einem Projekt, das nur einige Tage dauerte. Er erkannte mich offensichtlich nicht und nickte mir nur kurz zu. Nach fünf Minuten fragte er mich: „Sag mal… kennen wir uns?“ Ich nickte. „Ja, wir waren in demselben Projekt wie du und der andere!“ antwortete ich gereizt. „Aaaach… das muss aber schon eeeeeewig her sein.“ sagte er. „Hm… 1 1/2-2 Jahre.“ sagte ich. „Ja, siehst du!“ gab er wieder und vertiefte sich wieder mit dem Anderen in sein Gespräch.

Und ich? Ich war einfach nur froh, dass wir heimfuhren. Auf diese Scheinwelt, wie mir heute bewusst wurde, hatte ich keine Lust. Vielleicht ist es etwas anderes, wenn man nur in Teilzeit dort arbeitet und nur sporadisch dort ist. Aber in Vollzeit mit ständig wechselnden Kollegen kann ich es mir nicht mehr vorstellen. Es machte mir Spaß mit dem Einen oder dem Anderen zusammenzuarbeiten, aber die vielen Tage, die man ohne einander mit fremden Kollegen verbrachte, nervten mich oft. Diese Oberflächlichkeit und drei Minuten nach Beendigung des Projekts kennt man sich nicht mehr, macht mich irgendwie sauer.

Daheim bemerkte ich erst wieder, wie wichtig mir der Römer und der kleine, noch in meinem Bauch Krawalle machende Bambino sind. Meine Familie! Meine Freunde! Denn letztendlich ist es das, was mich glücklich macht. Der Rest ist mir relativ egal. Sollen sie doch ihrem fiktiven Highlife nachgehen wie sie möchten. Ich bin froh, dass mein Lebensmittelpunkt nun ein anderer ist und in ein paar Monaten nochmal ein ganz anderer wird.

Mit Tablett und Espressotasse bewaffnet – so war ich im Job

2 Gedanken zu “Fiktives Highlife im Beruf

  1. Ich arbeite bei einem sozialen Bildungsträger, ein deutschlandweiter Verein. Dort ist der Zusammenhalt zwischen den Kolleginnen und Kollegen so, wie es sein sollte. In der Industrie, wo ich vorher war, herrschten genau die Zustände, die du beschreibst. Ich will da nicht mehr hin. Ich hab dort mehr verdient, aber das ist es nicht wert. Heute geh ich jeden Tag gern zur Arbeit, und das war früher nie so.
    Lieber Gruß!

    Gefällt 1 Person

    • Es ist einfach sehr traurig. Man arbeitet zusammen und dann kennt man sich nicht mehr. 😕
      Da hast du absolut die richtige Entscheidung getroffen. Denn die Arbeit macht ja 50% unseres Tages aus. Man sollte gerne hingehen und Spaß daran haben! 😊
      Liebe Grüße! 😃

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