Das 18. Türchen im germanoitalbanischen Adventskalender

Fakt Nummer 18

Ich verdiente mein Geld an der Stange! Wie das kam? Das ist schnell erzählt. Es war meine Dorfdisko Zeit. Ich war jung und wild (genau das Gegenteil von der biederen Hausfrau, die ich heute verkörpere 😁) Das wunderbare Dorffest kurz vor’m Oktoberfest fand wie jedes Jahr statt. Meine beste Freundin und ich tackelten uns auf. Das, was wir zu wenig hatten, pushten wir auf das Maximum im kurzen Dirndl. Das, was wir zu viel hatten, bedeckte der schmeichelnde Schnitt des Trachtenkleides. Nachdem wir im Bierzelt schunkelten, Freunde trafen und mit ihnen die unsäglichsten Partyhits gröhlten, gingen um 23 Uhr die Lichter aus. „Ach Mensch! Und jetzt?“ fragte ich Anna, die sich bereits an einem Freund abstützten musste (oder wollte). „Ins Sundance!“ lallte sie. „Super! Na, klar. Das ist doch gleich nebenan?“ stellte ich fest. Sie nickte, ihr Sichtfeld war bereits stark eingeschränkt. Über mein Sichtfeld konnte ich nicht mehr urteilen.

Wir liefen die wenigen Meter zum Sundance. Es war knallvoll. Alle Volksfestbesucher hatten die selbe Idee. Wir suchten uns ein Eckchen, es wurde gedrängelt und geschubst. Kurz: Es war zu eng. „Hey, geh doch mal an die Stange! Die ist frei.“ gröhlte Anna in mein rechtes Ohr. Unter alkoholfreien Umständen hätte ich das für eine absurde Idee gehalten. Aber der Alkohol zeigte seine Wirkung und ich fühlte mich als wäre heute NAcht alles möglich. „Yeah!“ brüllte ich, riss die Arme nach oben und bahnte mir einen Weg durch die feiernde Maße. Auf dem Podest angekommen, tanzte ich. Nicht besonders lasziv, nicht besonders ansehnlich, so wie man eben als betrunkenes Mädchen vom Dorf tanzt: schlaksig, viele, ausladende Armbewegungen und viel Hüfte! Aber gefühlt war man einer von den No Angels*.

Von unten guckte mich ein Typ an. Deutlich älter, deutlich breiter (in beiderlei Hinsicht) als ich. Er streckte mir 5 Euro entgegen. Ich grinste und nahm sie an. Dann streckte er mir wieder 5 Euro entgegen. „Na ja, gut.“ dachte ich, hielt mich mit der linken Hand an der Stange fest, drehte mich einmal an der Stange um 360 Grad und Griff den Schein mit der rechten. Sein Freund fand das irrsinnig witzig und er bot mir 10 Euro an.

So ging das eine ganze Weile. Irgendwann zog mich jemand am Rockteil des Dirndl. Bevor ich loszetern konnte, bemerkte ich, dass es Anna war. „Können wir heimgehen?“ fragte sie und wirkte schon sehr geschafft. „Na, klar.“ schrie ich gegen die Musik an. Wir stolperten Richtung Volksfest Parkplatz. Dort wartete Annas Bruder, der uns nach vorherigen Telefonat einsammelte.

Daheim angekommen, fiel ich todmüde ins Bett. Am nächsten Morgen, ich räumte meine Partytasche aus, vielen mir ungewöhnlich viele Scheine entgegen. Es dämmerte mir wieder: Ich, an der Stange, betrunken.

Ich zählte die Scheine: Insgesamt 100 Euro in diversen Stückelungen. Ich grinste – und schämte mich.

Die 100 Euro investierte ich in einen schicken Trenchcoat. Aber an der Stange tanzte ich nie wieder! Und einige Jahre später schwor ich jeglichen Alkohol ganz ab.

Konnte ich Sie in die Irre führen? Oder drehte ich tatsächlich meine Runden an der Stange für diese einzige Nacht?

Reise Nummer 18

Freuen Sie sich auf diesen Zweiteiler genauso wie ich? Gut, Sie wissen noch nicht, wo es hingeht. Deswegen fangen wir damit erst einmal an: Es geht in die dominikanische Republik!

Flugzeit nach Punta Cana (ab Frankfurt): 10 Stunden 20 Minuten

Winken Sie jetzt bloß nicht ab und murmeln etwas von All-Inclusive-Urlaub und Reiseveranstalter Ausflüge, denn ich habe dagegen einzuwenden: Mit dem Einen haben Sie gar keine Chance tagelang in einer gediegenen Hotelanlage vor sich hinzubrutzeln. Der Eine ist der Husky unter den Reisenden. Er braucht Bewegung!

Wir fuhren individuell mit dem Mietwagen über die Insel. Nachdem wir bereits eine Nacht in Las Terrenas verbrachten, fuhren wir weiter nach Las Galeras. Nicht ohne Grund, denn wir wollten die Playa Rincon sehen.

Aber nun erst einmal zu Las Galeras. Ein sehr touristischer, dennoch entspannter Ort. Das gegenwärtige Lebensgefühl ist hochansteckend und eh Sie sich versehen, sitzen Sie entspannt am Strand in der Cafeteria Cocoloco* und genießen das Rauschen der Wellen. Zwischen Einheimischen und Backpackern spielt irgendjemand auf seiner Steeldrum… Das Leben könnte nicht besser sein.

Wir checken in der Villa Serena* ein. Der Blick spricht für sich.

Doch wir sind auf einer Mission und haben keine Zeit, die Aussicht zu genießen. Schließlich ist der Eine die treibende Kraft in diesem Urlaub.

Mit dem Mietwagen soll es nach Playa Rincon gehen.

Die Straßen sind ab einem gewissen Zeitpunkt für schwere Geländewagen gemacht, aber das stört den Einen nicht.

Er steuert unseren klapprigen Kleinwagen über diese Matschpiste mit den riesen Schlaglöchern als wäre es ein Panzer. Gelegentlich ächzt das Auto oder knarzt verdächtig. Ich sehe uns schon mit gebrochener Achse irgendwo im nirgendwo. Oder – mindestens genauso – schlimm: Feststeckend im Schlamm! Doch der Eine reist mich immer wieder aus meinen Gedanken mit seinen gelegentlichen „Hups!“ oder „Hoppla!. Ab und zu würzt er seine Ausrufe mit einem gelassenen „Das war aber knapp!“ oder einem „Geht schon, Ingrid (sein Spitzname für mich)! Geht schon!“

Ich bediene mich einer Schonhaltung, die ich als Führerscheinneuling von meiner Mutter abgeguckt habe:

Die rechte Hand wandert zum Haltegriff über der Autotür und umklammert ihn fest. Die Knie sind fest zusammengepresst. Die linke Hand krallt sich an der Sitzfläche fest. Meine Atmung ist flach und wird aufgelockert durch das wiederkehrende, hastige Lufteinziehen bei jedem Schlagloch.

Irgendwann kommen wir an und es liegt ein komplett einsamer Strand vor uns. Keine Menschenseele ist hier. Nur wir, der Sand und die Wellen.

Wir breiten unsere Handtücher aus. Nach 20 Minuten kam aus dem Nichts ein Auto mit großer Ladefläche. Zwei Insulaner sprangen heraus mit Macheten. „Guido (mein Spitzname für ihn), jetzt bringen die uns um!“ flüsterte ich mit großen Augen. „Ach, woher! Ingrid, wir sind doch nicht im wilden Westen.“ antwortete er gelassen und lächelt die Macheten-Jungs freundlich an. „Wart doch mal ab, was die uns zu bieten haben!“ ergänzte er. „Einzelgrab oder Doppelgrab…“ gab ich ihm als Antwort und zog mir meine Tunika über. Wenigstens wollte ich nicht im Bikini sterben. Sie schrien etwas auf spanisch. Der Eine antworte: „Si, dos por favor! [Ja, zwei bitte!]“ Ich guckte den Einen an und sprach: „Wir können uns auch ein Grab teilen. Wir brauchen keine zwei.“ Er lachte laut und schallend. „Kokosnüsse! Die bieten uns Kokosnüsse an. Sie holen die Nüsse jetzt von der Palme da hinten.“ Ich zog mir schnell noch die Hotpants an. „Wind.“ murmelte ich auf den verwunderten Blick des Einen. Doch wir wussten beide, dass ich den Macheten-Männern nicht traute und am Ende nicht nur im smaragdgrünen Bikini begraben sein wollte. Die Männer brachten die Kokosnüsse zu uns. Der Eine bezahlte und hielt mir eine vor’s Gesicht. „Was es nicht alles gibt…verrückt.“ murmelte ich und trank das Kokosnusswasser.

Der Eine ging noch einmal zu den beiden. Sie unterhielten sich angeregt. Nach 10 Minuten kam er zurück. „Und? Doch ein Massengrab für uns?“ hakte ich nach. „Nein, Ingrid! Nu hör doch mal auf mit deiner kleinstädtischen Art! Sie haben gesagt, wir können nach da hinten fahren und Hummer essen. Und ihr Onkel würde uns durch die Mangroven schippern mit seinem Bötchen.“ Ich lachte schallend auf. „Ja, sicher, Guido!!! Hummer und ’ne Bootstour mitten im Nichts. So fängt doch jeder schlechte Krimi an. Als ob es hier Hummer gibt! Oder ’ne Bootstour!“ Der Eine zog sich an. „Ingrid, pack die Tasche. Wir fahren da jetzt hin.“ Ich trottete missmutig hinter ihm her zum Auto. Schmollend saß ich auf meinem Beifahrersitz. Der Kleinwagen rollte über eine Piste aus Sand. Weiter hinten konnte man mehrere Menschen erkennen. „Kein Netz.“ seufzte ich. „Dann gibt es eben keine Abschieds-SMS für meine Familie.“ Ich atmete gequält. „Och, Ingrid. Jetzt hör doch mal auf mit deinen Horrorgedanken.“

Wir kamen an. Dort, wo die Männer gesagt hatten. Und tatsächlich: Eine kleine Holzhütte mit Bänken war dort aufgebaut. Einheimische, die dort standen, tanzten, sich unterhielten. Wir gingen an die Bar, bestellten Hummer, wie die Kerle von vorhin gesagt hatten. Es wurde auf ein Holzboot gedeutet. Darin ein Herr um die 70, der ein Nickerchen hielt. Er wachte auf, blinzelte, grinste und bat uns Platz in seinem Boot zu nehmen.

Dann schipperte er uns durch den Mangroven-Wald. Ich war mit mir und der Welt im Reinen. Alvaro schien auch kein Massenmörder zu sein, sondern einfach nur Alvaro, der freundliche Bootsführer.

Nach der Mangroven Tour war unser Hummer fix und fertig gebraten. Wir bezahlten umgerechnet 10 Euro. 8 Euro für den Hummer, 2 Euro für die Getränke.

Schön war das hier, weitab von Massentourismus und All-Inclusive-Buffet.

Doch das nächste Abenteuer drohte bereits. Der Eine hatte eine „Überraschung“. Wir schlafen heute nicht im Hotel. Wir schlafen woanders, hab ich mir überlegt. Er grinste diabolisch.

„Bitte nicht!“ brummte ich leise vor mich hin. „Doch, doch! Los geht’s!“

[Die Fortsetzung folgt morgen]

Auflösung Tag 17:

Da waren Sie sich mal wieder einig: Die Königin der bayerischen Dorfdisko war ich. Was soll ich Ihnen sagen?

Genau so war’s. Ich habe gerade nachgelesen, dass es diese Dorfdisko seit 2016 nicht mehr gibt. An mir kann es nicht liegen: Ich habe bereits 2010 gekündigt. Aber, dass es nach mir steil bergab ging, leuchtet mir natürlich ein. 😄😉

13 Gedanken zu “Das 18. Türchen im germanoitalbanischen Adventskalender

  1. Pingback: Das 19. Türchen im germanoitalbanischen Adventskalender | Zwischen Tiber und Taunus

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