Freitag – gepfählt von der Ex-Studienrätin

Vorab: Dieses Jahr war unendlich herausfordernd. Die ersten 5 Monate waren wir nie vor Mitternacht im Bett, weil Signorino – trotz Bitten, Flehen und Drängen – zum Mittagsschlaf hingelegt wurde. Gleichzeitig ging fast der gesamte Jahresurlaub für die Kindergarteneingewöhnung, Schließzeiten der selbigen Einrichtung oder meiner Wiederaufnahme des Flugbegleiterjobs drauf. Den einzigen Urlaub, den wir haben sollten, waren 1,5 Wochen im September. Als mein Vater plötzlich und unerwartet Anfang August verstarb und nach einigen Wochen beigesetzt wurde, war ich am Tag nach der Beerdigung schon wieder im Büro. Ich konnte nicht noch mehr Urlaub nehmen. Im Nachhinein eine absolut dämliche Entscheidung. Dennoch, ich redete mir ein, es wäre okay, denn am Horizont sah ich unseren Urlaub am Strand. Eine gute Woche würde uns gut tun. Ja, die Aussicht auf Urlaub machte alles erträglich. Aber es sollte ganz anders kommen.

Freitag

Das Kind wachte noch früher als gewöhnlich auf. Ich hatte die leise Hoffnung, dass er dementsprechend abends auf dem Flug nach Tirana schlafen würde. Er ging in den Kindergarten, ich ins Büro, der Römer zu seiner Arbeit. Kein Koffer war bis dato gepackt. Wir erledigten alles schnell, schnell nach der Arbeit. Dann stritten der Römer und ich uns noch, weil ich nochmals schnell die Bäder wischen wollte. Er war der Meinung, dass das dämlich sei. Ich war der Meinung, er solle sich um seine Sachen kümmern. Ich würde schließlich niemanden damit belästigen. Wir fuhren mit der S-Bahn zum Flughafen. Das Kind rastete mehrmals aus, weil es JETZT!SOFORT! zum Flughafen wollte und nicht noch bei Stationen wie „Niederrad”, “Stadion” oder “Gateway Gardens” anhalten wollte. Ach ja, und er war natürlich müde.

An der Sicherheitskontrolle staute es sich und ebenso an der Passkontrolle. Mit aller Kraft hielten wir das Kind in Schach und keiften uns gegenseitig ständig an. Ein Flughafenspielplatz mit einer Helikopter-Attrappe führte zu lautem Jauchzen des Kindes. Dennoch konnte keiner von uns neben dem Spielplatz sitzen, da Signorino uns – unbedingt und immer – alle seine neuen Entdeckungen zeigen wollte und musste.

Am Ende hatte der Flug auch noch eine Stunde Verspätung. Die Stimmung zwischen dem Römer und mir spitzte sich so zu, dass ich mehrmals am Gate drohte, auf dem Absatz kehrt zu machen und mit Kind und Koffer heimzufahren. Aus der Retrospektive hätte ich das tun sollen, aber ich wollte vernünftig sein. Jetzt, hier, am Flughafen Frankfurt den Familienurlaub abzublasen – das würde doch nicht gehen!

Die Kolleg:innen von der AirDolo.

Also stiegen wir in das Flugzeug. Das Kind wollte sich nicht anschnallen, dann machte es unendlich viel Quatsch und am Ende schlief es im Flugzeug auf dem Boden ein. Das tat es aber erst zwei Minuten bevor die Anschnallzeichen zur Landung ansprangen. Wir hoben den Knirps vorsichtig hoch und er wachte natürlich auf: Brüllend! Er brüllte so lange und ausdauernd, dass sich die ehemalige Oberstudienrätin samt Oberstudienratsmann, die vor uns saßen, mehrmals pikiert umdrehten und uns mit Blicken pfählten. Die jungen, aufstrebenden Akademiker hinter uns lästerten ausdauernd über uns und lobten sich dann gegenseitig, dass sie diese Situation dank der Noise-Cancelling-Kopfhörer überstehen werden. Wir hatten keine Noise-Cancelling-Kopfhörer und zwischenzeitlich bezweifelte ich, ob wir als Eltern die Situation überstehen würden. Zwei Flugbegleiterinnen kamen abwechselnd zu uns und fingen an von Druckausgleich und den damit verbundenen Problemen bei Kindern zu reden. Ich wollte am liebsten sagen: „Ja, liebe Kolleginnen. Ich weiß. Mein Kind ist dennoch fast 4 Jahre alt und nicht erkältet. Blöderweise ist er seit heute morgen 7:30 Uhr wach und bei Auslieferung des Kindes im Jahr 2019 wurde die Off-Taste vergessen. Wo andere Kinder längst schlafen, brüllt unseres eben. Das war schon immer so.“

Verstehen Sie mich richtig: Die netten Flugbegleiterinnen machten einen großartigen Job und wollten nur helfen. Aber in der speziellen Situation half eben nichts. Auch nicht von allen Seiten auf uns einzureden oder, im Fall der mitreisenden Passagiere in den Reihen vor bzw. hinter uns, nonstop über uns zu reden.

Signorino schrie somit 30 Minuten durch bis wir schlussendlich vom Flughafenbus am Flughafengebäude abgesetzt wurden. Bei der Einreise schrie er wieder und am Kofferband auch. Schlussendlich holte uns Neffe Toni ab. „Du schaust wütend aus!“, bemerkte er meinen verhärmten Gesichtsausdruck. Kurz erzählte ich ihm die Geschichte. „Das passiert. Jetzt seid ihr ja da.“

Wir stiegen in den riesigen, weißen Straßenkreuzer deutschen Fabrikats. Das Kind schlief beim Aufheulen der Motoren ein. Nichts konnte ihn mehr wecken. Auch nicht die Schlaglöcher auf Kamez’ Straßen, die nachts etwas schwieriger für Toni zu erkennen waren. Zum Glück war das weiße Schiff, das Toni fuhr, dermaßen stabil und gut gefedert, dass man keinen Bandscheibenvorfall furchten musste.

Dann ging die Diskussion los. Mein großes Privileg ist, dass man grundsätzlich davon ausgeht, ich würde kein Albanisch verstehen. Ich tue natürlich viel dafür, dass diese Illusion weiterhin aufrecht gehalten wird.

Doch ich hörte es schon: „Nun frag Sie doch! Sag, dass wir sofort zu deinem Vater müssen. Morgen ist er vielleicht schon nicht mehr da.“, sprach Toni mit Nachdruck. Der Römer schwieg. Es war weit nach Mitternacht. „Ich weiß nicht….“, murmelte der Römer. „Was gibt es da nicht zu wissen? Dein Vater liegt im Sterben.“, wurde Toni nun etwas konkreter. Der Römer schwieg.

„Wir können schon hinfahren.“, antwortete ich stellvertretend für den Römer. Es war doch mittlerweile eh schon egal….

26 Kommentare

  1. Liebe Eva,
    jetzt glaube ich zu verstehen: Es war der Schwiegervater, der verstorben ist und
    daher auch die Reise nach Albanien samt tiranaischer (?) Hölle.
    Man, das tut mir wirklich alles so leid und ich kann mehr als gut nachvollziehen, wie sehr eure Nerven blank lagen.
    Aber bitte nicht falsch verstehen wenn ich sage: Nur so passte es wohl zur Situation.
    Wäre alles glatt gegangen, wäre es auch irgendwie komisch oder? So aus der Gegenwart rückblickend.
    Es war ein Drama und das hat sich in ALLEN Re-Aktionen deutlich widergespiegelt.
    Fühl dich hier an dieser Stelle noch einmal fest gedrückt und gut, dass ihr das alles doch noch gestemmt habt, gemeinsam als Familie.
    LG Bea 💫

    Gefällt 3 Personen

    • Liebe Bea,
      genau, der zeitliche Ablauf war, dass wir “nur” in den Urlaub fahren wollten, den ich als äußerst dringend empfand nach dem mein Papa Anfang August verstarb. Zeitgleich, Anfang August, bekam der albanische Vater des Römers die Diagnose Krebs im Endstadium. Etwas naiv gingen wir davon aus, dass wir unseren Urlaub genau so begehen werden wie geplant. Er würde schon noch durchhalten.

      Denn geplant war, nach Albanien an den Strand zu fliegen und danach die engste Familie des Römers, die mittlerweile wieder in Albanien wohnte, zu besuchen. Doch es kam alles ganz anders.

      Und du hast natürlich vollkommen recht: Wäre es glatt gegangen, es wäre fast schon seltsam. Aber auf die große Keule (ich werde berichten) hätte ich dennoch gerne verzichtet. 😄
      Danke dir, liebe Bea und ganz viele Grüße, Eva

      Gefällt 4 Personen

      • Auch an dieser Stelle möchte ich mich nochmals entschuldigen für meine Nachfrage – ich hätte einfach abwarten können. Ich hoffe inständig, dass du jetzt durch mich nicht ein weiteres Mal gezwungen warst, in Gedanken alles durchzuspielen, nur um meine Frage zu beantworten.
        Danke für deine Offenheit und die Erklärungen und ich denke, das du deine Erfahrungen diesbezüglich noch weiter aufarbeiten wirst, in dem du sie dir von der Seele schreibst!
        Ich wünsche dir ganz viel Kraft dafür und vor Allem Erleichterung. Wie auch immer sie aussehen wird. 💫
        Pass gut auf dich auf und herzliche Grüße Bea 💞

        Gefällt 3 Personen

      • Liebe Bea, bitte mach dir keine Sorgen! 🤗 Ich habe deine Kommentare überhaupt nicht negativ aufgefasst, sondern – wie ich es von dir gewöhnt bin – überaus interessiert, konstruktiv und höflich. Du hast die Geschehnisse ja nicht riechen können und wer ahnt so etwas schon?
        Bitte mach dir keine Gedanken – es ist alles in Ordnung. 😃
        Vielen, lieben Dank für deine (immer!) wunderbaren und lieben Kommentare und hab einen feinen Abend! Viele, liebe Grüße, Eva

        Gefällt 2 Personen

  2. Liebe Eva,
    es scheint, dein Leben ist in den letzten Monaten und Jahren zu einer Haertepruefung geworden.
    Ich bin beeindruckt, wie du bislang alles meisterst und druecke ganz fest die Daumen, dass das die Erholung samt Happy End schon hinter der naechsten Kurve auf dich wartet. ❤
    Herzliche Gruesse aus dem Yukon,
    Luisa

    Gefällt 3 Personen

    • Liebe Luisa,
      vielen, lieben Dank. 💚 Besser hätte ich es nicht ausdrücken können und doch denke ich mir: “Liebes Universum, nu sag doch endlich, was ich daraus lernen soll! Spill the tea!”
      Vielen, lieben Dank und liebe Grüße nach Kanada, Eva

      Gefällt 2 Personen

    • Anscheinend haben wir die große Tour in der Geisterbahn gewonnen. Ich kann es mittlerweile nur noch mit Humor nehmen, würde aber dennoch gerne jetzt dann aussteigen und was langsames machen – vielleicht ein antikes Karussell? 🤪

      Gefällt 2 Personen

  3. Das tut mir leid! Ich wünsche Euch allen das ihr das gemeinsam hinbekommt und das ihr wirklich Menschen um Euch habt, die Euch auffangen und gut auch für Euch Sorgen und Euch zur Seite stehen.

    Gefällt 2 Personen

  4. Und ich erinnere mich noch, dass bereits im vergangenen Jahr euer Urlaub nur kurzfristig improvisiert war und du Rom bei Sommerhitze mit Kind nicht weiterempfehlen konntest.
    Ach, liebe Eva, schreib es dir von der Seele, und dann hoffe ich, dass bald alles wieder in ruhigere, entspanntere Bahnen kommt für euch und eure Familien. Sei lieb gegrüßt! Anke

    Gefällt 2 Personen

    • Immer wieder erstaunt mich dein fabelhaftes Gedächtnis, liebe Anke. 😃 Genauso war es! Diesmal hatten wir die richtige Unterkunft am richtigen Ort für einen fast 4jährigen gebucht, hätte nicht das Schicksal angeklopft.
      Danke dir für deinen Zuspruch! Schreiben ist bekanntlich die beste Therapie. Ganz liebe Grüße, Eva

      Gefällt 1 Person

    • Danke dir, liebe Sonja. 💚 Man kann es sich nicht aussuchen, denn das hatte ich definitiv nicht bestellt. 🤪 Für irgendetwas wird es gut sein, und wenn es nur Resilienz ist. Liebe Grüße an dich!

      Like

  5. Ach du Arme. Vater und Schwiegervater kurz nacheinander zu verlieren ist heftig.
    Und dann auch noch nach über einem Jahr keinen vernümpftigen Urlaub zu haben dabei nicht hilfreich.
    🫂

    Jetzt muss ich aber trotzdem klugscheissen: Nach dem Tod deines Vaters hättest du dich krank schreiben lassen können. Eine Option, die ich vor dem Tod von S selbst mehrfach vergessen habe.

    Ich wünsche dir die Kraft, deine aktuelle Situation zu überstehen 🫂

    😘😎

    Gefällt 1 Person

    • Du hast absolut recht, liebe Trude. 💚Ich wollte mich ablenken, mir einreden, dass es ja nur noch wenige Wochen zum Urlaub sind,… Im Nachhinein ist man klüger. Heute würde ich anders entscheiden. 😓

      Aber es ist, wie es ist. Ich bin dankbar, dass ich meinen Papa hatte und das es meinen Schwiegervater gab. Beide waren aus einem schweigsamen, aber überaus aufrichtigen, herzlichen Holz. 💚

      Vielen, lieben Dank und liebe Grüße, Eva

      Gefällt 1 Person

  6. Typisch Leben – Wir machen uns einen Plan und dann kommt alles ganz anders.

    Was du im Folgenden über deinen Sohn und seinen Erfahrungen bei der Verwandtschaft erzählst, beobachte ich auch jedes Jahr immer wieder an meinem. Es ermüdet und nervt sie, von einem Besuch zum nächsten geschleppt zu werden. Aber mit dem Alter wird es besser, wenn sie nämlich einfach bei einem Verwandten bleiben können, während man selbst von Tisch zu Tisch zieht. 😉

    Gefällt 1 Person

Hinterlasse eine Antwort zu noch1glaswein Antwort abbrechen