Der Römer im Krankenhaus

Eigentlich wollte ich heute fröhlich-leichtfüßig über das Kennenlernen mit Rosi, meiner e’bammà, berichten. Aber da kam das Leben dazwischen.

Der Römer hat seit mindestens 20 Jahren „Galle“. Viele, kleine Gallensteine, die sich mal mehr, oftmals auch weniger durch den Gallengang arbeiten oder auch dort stecken bleiben. Im Januar mussten wir in einer Nacht und Nebelaktion ins Krankenhaus, da ein knusprig zubereitetes Wiener Schnitzel (zu unserem Hochzeitstag) sein Tribut forderte. Nachts um 2 Uhr hielt er die Schmerzen nicht mehr aus. Aber erst als er nicht mehr vor Schmerzen stehen konnte, durfte ich il signore ins Krankenhaus bringen. Davor hieß es mit schmerzerfülltem Gesicht: „Non è nulla di serio.“ [Es ist nichts ernstes]

Aus dem „nulla di serio“ [nichts ernstes] wurde fünf Tage stationärer Aufenthalt im Krankenhaus. Man schickte eine Sonde in seinen Magen und von da weiter zur Gallenblase, die mal eben alles putzte und polierte. Daraufhin war der Römer ganz überrascht, dass er sich so gut fühlte wie nie. Er hatte keinerlei Schmerzen mehr. Kurzum: Es ging ihm blendend. So blendend wie das letzte Mal vor 20 Jahren laut seiner Aussage. Nach besagten fünf Tagen durfte er nach Hause. Natürlich nicht ohne die mahnenden Worte des Chefarztes, er solle baldmöglichst einen Termin zur Gallenblasenentfernung ausmachen. „Ja, ja!“ sagte der Römer und winkte fröhlich beim Heimgehen.

Monatelang passierte nichts. Er ignorierte die mahnenden Worte des Chefarztes und lebte fröhlich vor sich hin. Bis ihm eine Pizza Quattro Formaggi einen Strich durch die Rechnung machte. Wer hätte auch ahnen können, dass soviel fettiger Käse auf so wenig Teig Probleme hervorrufen würde? Der Römer schon mal nicht.

Er schlief nächtelang nicht durch, hatte starke Schmerzen, die er mit seiner Geheimwaffe „Schmerzmittel 600“ zu bekämpfen versuchte und als das nichts brachte, flog er zu seinem guten Freund Lorenzo nach Rom. Lorenzo ist Allgemeinarzt und verschrieb ihm Antibiotika. „Das sollte erst einmal reichen. Damit hältst du sicher wochenlang durch.“ gab er dem Römer mit auf den Weg. Wochenlang war es nicht. Es waren drei Tage. Aber der Römer wollte partout nicht in Deutschland zum Arzt, geschweige denn ins Krankenhaus. Er wusste sehr genau was ihm da drohte: Eine Standpauke und eine Reinigung des Gallenblasengangs.

In der Zwischenzeit, unter Schmerzen, machte er einen Termin im Krankenhaus aus. Betreff: Entfernung der Gallenblase. Er bekam drei Termine: einen zur Vorbesprechung, zwei Tage später sollte über die Anästhesie gesprochen werden und schlussendlich die Entfernung.

Termin Nummer eins nahmen wir heute wahr. Ich ging von einer halben bis maximal einer Stunde aus. Doch aus einem harmlosen Sprechstundentermin sollten fünf Stunden Klinikaufenthalt für mich als Begleitung und ein sofortiger, stationärer Aufenthalt für den Römer werden.

Denn dem Chefarzt gefiel ganz und gar nicht, was er da bei der Sprechstunde sah: gelbe Augen, komische Anzeichen im Ultraschall, Schmerzen auf Höhe der Gallenblase.

„Gehen Sie mal zu meinem Kollegen in die Ambulanz. Der nimmt Ihnen Blut ab und macht noch einmal einen Ultraschall.“ sagte er sehr freundlich. „Im schlimmsten Fall muss ich Sie stationär aufnehmen. Und zwar heute.“

Wir trotteten zur Ambulanz. Sofort kamen wir dran. Es wurde Blut abgenommen, es wurde noch einmal alles genau im Ultraschall angeschaut und dann durften wir im Wartezimmer Platz nehmen. Nicht etwa für 30 Minuten. Nein, wir nahmen dort für zweieinhalb Stunden Platz.

[Kurzer Exkurs: Der Römer und ich sind beide keine großen Frühstücker. 3-4 Kekse, Kaffee, Tee. Fertig. Wozu gibt es Snacks? Da ich davon ausging, dass der Termin maximal ein Stündchen dauerte und wir danach in das italienische Café zum zweiten Frühstück gehen würden, sorgte ich natürlich nicht vor. Was sich rächen sollte!]

Ich wurde immer hungriger und meine Laune verschlechterte sich sekündlich. Missmutig ging ich zum Snackautomaten und kaufte mir zwei Schokoriegel. Die machten mich aber nicht gerade glücklich, geschweige denn satt.

Bevor ich schwanger wurde, konnte ich über Stunden nichts essen. Das war kein Problem. Durch meinen Beruf war ich es gewohnt, nicht immer dann essen zu können, wann ich das wollte. Ich gönnte mir ein Glas Fruchtsaft und dann stürzte ich mich wieder ins Getümmel. Das geht nun aber nicht mehr. Ich habe ständig Heißhunger. Eine Kleinigkeit genügt dann, besonders gerne frische Früchte oder Müsliriegel oder aber Gurke (das ist neu). Nicht aber Schokoriegel. Die mag ich nun wirklich nicht mehr.

Der Römer ist so wie ich in schwanger. Er muss regelmäßig was essen, sonst kippt seine Stimmung. So saßen wir also da, wartend, uns angiftend und es ging nichts voran. Irgendwann hielt ich es nicht mehr aus zwischen all den hustenden und kränkelnden Personen, dass ich JETZT!! SOFORT!! an die frische Luft musste. Der Römer folgte mir brav.

„Ich möchte heim!“ maulte ich. „Ich hab‘ Hunger, mir ist schwindelig, mir ist schlecht, ich will nicht mehr sitzen UND ich bin schwanger!!!“ Ich wurde immer motziger. „Aber ich brauche dich. Du musst doch das übersetzen, was ich nicht verstehe.“ quängelte der Römer. Ich schnaubte. „Gut, dann knöpf ich mir jetzt einen Arzt vor. Ich warte doch nicht zweieinhalb Stunden auf die Blutergebnisse.“ meckerte ich weiter.

Als ich mir gerade jemanden im weißen Kittel vorknöpfen wollte (die Hormone!), kam der junge Assistenzarzt auf uns zu: „Sooooooo…. also: Herr Römer bleibt nun erst einmal bei uns – er wird stationär aufgenommen. Und wir müssten Sie noch von einem Facharzt untersuchen lassen. Diesmal von einem Internisten.“ teilte uns der junge Arzt mit ruhiger Stimme mit. Dem Römer entgleisten die Gesichtszüge. Ich rechnete schon damit. „Wunderbaaaar.“ sagte ich, „Brauchen Sie mich dann noch? Oder das kriegen Sie ganz gut alleine hin?“ fragte ich. „Ich glaube nicht. Wir kriegen das doch ganz gut alleine hin.“ gab der Arzt zurück. Der Römer war immer noch perplex. „Wenn was ist, meine Telefonnummer ist in seiner Krankenakte hinterlegt.“ flötete ich, endlich meine Freiheit und besonders mein Mittagessen witternd. „Scusa, amore. [Entschuldigung, Schatz] Normalerweise lasse ich dich nicht alleine. Aber mir ist schlecht und schwindelig und ich sterbe vor Hunger. Seit fünf Stunden sind wir hier. Ich bringe dir nachher den Koffer mit allen Sachen.“ erklärte ich dem Römer und hauchte ihm einen Kuss auf die Wange. „Si…si…ok… a dopo.“ [Ja…ja…ok…bis später] gab der Römer perplex zurück und wurde in ein Behandlungszimmer abgeführt.

Fünf Stunden, ein Teller Nudeln mit Pesto, zwei Bananen und einen Kamillentee später, packte ich den Koffer des Römers. Minütlich kamen neue Nachrichten bei mir an. Denk an meine Hausschuhe! und Bitte bring mir meinen Laptop mit. Lade vielleicht ein, zwei Filme vorher runter sowie Vielleicht könntest du auch was kochen. Ich mag das Krankenhausessen nicht. waren nur einige Beispiele seiner Anweisungen. Ich tat mein bestes, vergaß das ein oder andere absichtlich oder unabsichtlich (bei seiner Bestellung fehlten nur noch Vorhänge und bequeme Couchkissen, dass er sich mehr als häuslich einrichten konnte) und besuchte ihn im Krankenhaus.

Das erste Bild aus dem Krankenhaus

Umgeben von einem Sizilianer und einem Deutschen, alle im selben Alter, fühlte es sich an, als wäre ich in die Kneipe ums Ecke geraten. Ausgelassene Stimmung, lautes Gelächter, er fühlte sich anscheinend sehr wohl. Na, hier konnte ich ihn ja beruhigt lassen. Nach einer viertel Stunde verabschiedete ich mich und ging in meinen „wohlverdienten Feierabend“.

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