Emotionale Karotten

„Muss ich denn immer erst Geschirr spülen oder stundenlang duschen, bevor mir ein Thema, über das ich schreiben könnte, in den Sinn kommt?“ denke ich entnervt und rubble noch viel genervter an dem eingetrockneten Soßenfleck in der zu spülenden Auflaufform herum. „Maaaaan! Weg da!!!“ herrsche ich den Soßenfleck an.

„Chi? Io?“ [Wer? Ich?] fragt der Römer, der gerade wie aus dem Nichts in der Küche aufgetaucht ist. „Ich mache nur schnell eine Flasche für den Kleinen, poi è tutto tuo.“ [sinngemäß: dann hast du die Küche für dich.] erklärt er sich schnell und entschuldigend.

„Nein, nein. Mir will keine Idee in den Kopf kommen und dieser dämliche Soßenfleck will auch nicht weg.“ versuche ich mich zu erklären.

„Non voglio dire niente [Ich will nichts sagen,..], amore mio, aber du bist etwas gereizt.“ versucht er sich langsam an das Problem heranzutasten.

Ich „hmpf“-e nur, spüle und rubble weiter an diesem grässlich eingebrannten Soßenfleck.

Wenig später, Signorino hat bereits getrunken, kommt der Römer wieder in die Küche. Vorsichtig stellt er das leere Fläschchen ab. „Per chi sono queste carote?“ [Für wen sind diese Karotten?] versucht er neugierig herauszufinden.

„Für wen? Für wen? Für wen? Für mich nicht! Für Signorino sind sie.“ herrsche ich ihn an. In dem Moment verabschiedet sich eine Espressotasse, die ich gerade versuchte zu spülen. Klirrend landet sie auf dem Boden und zerspringt in unzählige, kleine Scherben.

„MAAAAAAAAAAAAAAAAAN! Was ist denn das heute für ein dämlicher, dummer, widerlicher Tag?“ motze ich. Der Römer bringt wortlos den Besen. Während wir die Keramikscherben aufsammeln und zusammenkehren schießt ihm ein Gedanke in den Kopf.

„Ahaaaa! Die Karotten sind für den kleinen! Capisco!“ [Ich verstehe!] sagt er als wäre es die Offenbarung des Jahres. „Natürlich! Das habe ich doch schon vorhin gesagt.“ raunze ich ihn kurz an und vertiefe mich wieder in das Espressotassendesaster. Er lässt den Besen sinken, kommt auf mich zu, kniet sich zu mir nieder und umarmt mich. Ich gucke ihn verdutzt an.

„Non sei ancora pronta!“ [Du bist noch nicht bereit!] spricht er mir sein Mitgefühl aus.

Ich hmpf-e wieder.

„Amore mio, du kochst Signorinos ersten Brei und fühlst dich noch nicht bereit dazu. Eben erst war er noch so klein, dass wir ihn „Stecknadelkopf“ genannt haben und nun ist er in der Lage Brei zu essen.“ diagnostiziert er richtig.

Ich hmpf-e erneut und vergrabe mich in seiner Schulter. „So ein Scheiß, echt! Erst wünscht man sich, dass sie wachsen. Dann tun sie das und eh du dich versiehst, kochst du Karottenbrei und er isst wie ein Großer! Dann fängt er an zu krabbeln, zu gehen, als nächstes geht er in die Schule und schwuppdiwupp hat er seinen Führerschein und zieht aus. An den Wochenenden kommt er dann vorbei um seine Wäsche zu waschen und irgendwann braucht er mich dann gar nicht mehr. Dann ruft er einmal im Monat an und vergisst meinen Geburtstag. Und noch dazu vergeht diese verdammt blöde Zeit in einem Wimpernschlag und ich kann sie nicht aufhalten. So ein K*ckmist aber auch!“ steigere ich mich in das Thema rein und ein Tränchen kullert über meine Wange.

Der Römer muss lachen, guckt mich an und sieht einen begossenen Pudel, der inmitten von minikleinen Keramikscherben kniet. „Il tempo passa – ma tu sarai per sempre la sua madre.“ [Die Zeit vergeht – aber du wirst für immer seine Mutter sein] versucht er mich aufzumuntern. Sein Versuch zeigt bei mir kaum Wirkung.

„Okay – telo spiego in un altro modo. [Ich erkläre es dir anders]“ fängt der Römer an. „Du hast doch einen Bauchnabel?“ fragt er tiefsinnig.

„Was ist denn das für eine Frage? Natürlich habe ich einen Bauchnabel! Jeder hat einen Bauchnabel!“ raunze ich ihn für diese dämliche Frage an.

„Va bene [In Ordnung], hätten wir das geklärt. Jeder hat also einen Bauchnabel. Auch du. Und Signorino.“ benennt er das Offensichtliche.

Ich gucke ihn sehr irritiert an – aber wenigstens bin ich nicht mehr so nah am Wasser bzw. – in meinem Fall – im Wasser gebaut.

„Und dieser Bauchnabel, den wir nun alle haben, der verbindet uns ein Leben lang mit unserer Mama.“ führt er weiter aus.

„Hä?“ kann ich nur – mehr als verwirrt – antworten. „Dein Bauchnabel ist das Zeichen, dass du mit deiner Mama neun Monate lang eins warst. Die Nabelschnur hat euch verbunden. Du warst sicher und geschützt in ihrem Bauch, ihr Körper hat dich mit allem Wichtigen versorgt, was du gebraucht hast. Und dieses Zeichen, der Bauchnabel, die Narbe der abgetrennten Nabelschnur, wird dich für immer daran erinnern, dass du mit deiner Mutter verbunden warst.“

Ich lege meinen Kopf schief. „Das macht irgendwie Sinn. Etwas seltsam, aber die Aussage stimmt.“ sage ich, überrascht und erstaunt, da ich auf so eine Erklärung nicht gefasst war.

Der Römer führt fort: „Und immer wenn Signorino in den Spiegel schaut, hat er diese Narbe, seinen Bauchnabel, die zeigt, dass ihr eins wart. Er nimmt er vielleicht nicht bewusst war, aber es lässt sich auch nicht leugnen. Sein Bauchnabel bleibt sein Leben lang.“

Seltsamerweise beruhigt mich diese abstruse Erklärung und ich gebe mich damit zufrieden. „Bereit!“ fragt der Römer mit dem Pürierstab in der Hand. Ich atme tief durch – greife den Pürierstab und antworte: „Bereit!“

Nach dem Pürieren probiert Signorino seinen ersten Löffel Karottenbrei. Es scheint ihm zu schmecken. Ein sehr orange eingefärbtes Kind strahlt uns mit großen Augen an.

„Hach Signorino.“ seufze ich als der Römer den Lappen zum Sauber machen holt. „Deine Mama bleibt immer deine Mama. Trotz Karottenbrei, der dich in die Unabhängigkeit führt! Und warum? Weil wir einen Bauchnabel haben.“

8 Gedanken zu “Emotionale Karotten

  1. Emotionell , echt . Ein Freund sagte immer : 9 Monate Hormonen – Aufbau und dann kommt’s schlimmer : jahrelang Hormonen- Abbau . Das erste Jahr ist so aufregend, vergeht so schnell und aus dem kleinen Bündelchen wird ein neugieriges Kind. Nach dem 1. Jahr geht es aber wesentlich langsamer und monotoner. Mach dir keine Gedanken, die Zeit wird sich verlangsamen. Genieße die Zeit, wo dein kleiner Sohn sich schön einkuschelt und in deinen Armen liegen bleibt. Babies sind so klasse 🥰

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  2. Ich finde, dein Mann hat super reagiert. Und was da gerade durch dein Blut rauscht an Emotionen und Gedanken, ist ganz normal. Machen alle Mamis durch.

    An folgende Zeilen musste ich denken:

    Die erste Zeit ist schwierig,
    weil sie klein sind,
    weil sie viel weinen,
    weil sie nichts alleine können.

    Die Zeit ab dem ersten Geburtstag ist schwierig,
    weil sie laufen können,weil sie bockig sind,
    weil sie alles alleine machen wollen.

    Die Zeit des dritten Geburtstages ist schwierig,
    weil sie einem das Ohr fusslig reden,
    weil sie in den Kindergarten wollen und doch nicht wollen,
    weil sie Dreirad und Bobbycar fahren wie die Wilden.

    Die Zeit des sechsten Geburtstags wird schwierig,
    weil sie in die Schule kommen und 1000 Sachen brauchen,
    die die Freunde auch haben,weil sie ganz genau wissen,
    was sie wollen, und das jetzt und sofort,weil sie anfangen,
    Fahrrad, Inline-Skates und Skatebord zu fahren wie die Irren.

    Dann kommt die Zeit des 18.Geburtstages
    und uns wird bewusst,
    dass die erste Zeit so schön war,
    weil sie so kuschelig waren,
    weil sie uns so sehr gebraucht haben,
    weil sie immer in unserer Nähe sein wollten,
    dass die erste Zeit des ersten Geburtstages so schön war,
    weil sie anfiengen zu laufen,
    weil wir stolz waren auf ihren festen Willen,
    weil wir es Klasse fanden,
    wie sie anfingen selbstständig zu werden.
    Dass die Zeit des dritten Geburtstages so schön war,
    weil wir ihren Wortschatz berauschend fanden,
    weil wir ihren Mut bewunderten,
    weil es schön war,sie unter anderen Kindern spielen zu sehen,
    dass die Zeit des sechsten Geburtstages so schön war,weil wir sie sahen,
    wie sie unentdecktes Land begingen,
    weil wir sahen,wie sie dicke Freundschaften schlossen,
    weil wir ihren Gleichgewichtssinn bewunderten und sahen,
    wie sie Neues austesteten und wie sie sich dann freuten,
    wenn es klappte und wie sehr sie weinten und sich an uns schmiegten,wenn es nicht klappte.

    Mögen wir in uns an all diese Momente erinnern,
    an die schönen und an die schwierigen.
    Darin sind wir,
    Darin sind unsere Kinder und darin ist unsere Zukunft!

    von Martina Kis

    Eltern werden-Eltern sein

    Fühl dich ganz fest umarmt 💖

    Gefällt 1 Person

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