Sprachlos vor Freude

Sprachlos – anders kann ich es nicht nennen. Ja, sprachlos trifft’s am ehesten. Oder „sono rimasta senza parole“.

Der Römer hat einen Job. Also, seinen Job.

Seit 1 1/2 Jahren arbeitet er – mal mehr, mal weniger zufrieden – in der Pizzeria seines (mittlerweile) guten Freundes „il capo“[Der Chef]. Erst wurde er als Pizzabäcker eingestellt, dann wurde er als Kellner gebraucht, was ihm gut gefiel, da er gerne ein Schwätzchen mit den Gästen hält. Gäste wurden zu Stammgästen, charmant und unterhaltsam wurde er zum Stellvertreter von il capo, wenn dieser nicht da war. Und das war er nicht oft, da er noch eine andere Pizzeria hat um die er sich kümmern muss. Als der Koch kündigte, wurde neu gewürfelt in der Pizzeria und da man einen Kellner einfacher fand als einen Pizzabäcker, wurde der Römer wieder zum Pizzabäcker. Er akzeptierte es, aber „soddisfazione“ [Zufriedenheit] sieht anders aus.

Dennoch: Es war nicht sein Traumberuf, den er jahrelang eifrig studiert und in Rom praktiziert hatte. Wer denkt, dass es für medizinische Berufe reicht, in der EU studiert zu haben, irrt sich leider. Jedes Bundesland Deutschlands hat ein anderes Anerkennungsverfahren mit viel Bürokratie. Im Dezember, als absehbar war, dass der Römer schon ein ordentliches Deutsch-Level (auch so ein Anerkennungskriterium) vorweisen konnte, begannen wir sämtliche Unterlagen in Rom anzufordern. Und das dauerte. Und dauerte. „Si fa le cose con calma“ [Man macht die Dinge in Ruhe] war die Divise in Rom. Im März holten wir die Unterlagen ab. Dann mussten sie übersetzt und beglaubigt werden. Wir schickten sie ein, doch das Sprachzertifikat fehlte noch. Das holen wir im August nach, da der Römer beim letzten Mal nicht bestand. Solange wird auch der Antrag nicht bearbeitet. Deutsche Bürokratie.

Letzte Woche passierte es dann. Es kam zu einem Zerwürfnis in der Pizzeria, das sehr unschön war. Der Koch rastete komplett aus, beschimpfte und bedrohte den Römer, seine Familie und alles, was ihm lieb war. Er, der Koch, war sowohl den Drogen als auch dem Alkohol mehr als zugeneigt und es eskalierte so, dass der Römer entschied, die Pizzeria an diesem Tag zu schließen. Er verständigte il capo, der sofort von der anderen Pizzeria angebraust kam. Die Pizzeria wurde zwei Stunden später wieder geöffnet und der Betrieb ging weiter. Diesmal ohne Koch. Doch ein bitterer Geschmack blieb. Und der Römer wollte, aus gutem Grund, mit dem Koch, der sich nicht das erste Mal so benahm, nie wieder zusammenarbeiten. Das teilte er auch il capo mit. Anstatt dem Koch fristlos zu kündigen (Gründe dafür hätte es einige gegeben), behielt il capo den Koch [Lui è un poveraccio, non ha una lira – Er ist ein armer Kerl, er hat keine müde Mark] und der Römer hielt sein Wort und erschien, mit Vorankündigung, nicht zur Arbeit.

3-4 Tage saß er also daheim, enttäuscht von seinem Chef, vom Leben, von allem. Und er vermisste seinen „richtigen“ Job – seine Berufung.

„Vielleicht ist das jetzt der blödeste Zeitpunkt oder aber der beste…“ fing ich an. „Es gibt da diese Stellenanzeige, die perfekt auf dich passen würde. Ja, ich weiß, du darfst noch nicht offiziell arbeiten.“ versuchte ich ihm gleich den Wind aus den Segeln zu nehmen. „Aber was spricht denn gegen ein Praktikum?“

Er hörte sich alles stirnrunzelnd an und schwieg. Das war zumindest ein gutes Zeichen, insofern es ein Zeichen dafür war, dass er darüber nachdachte. Ein langgezogenes „Okaaaaay.“ verließ seinen Mund. „Io dico di sì!“ [Ich sage ja!] antwortete er und lächelte. Wir schrieben zusammen ein Anschreiben, einen Lebenslauf, scannten seine Unterlagen, ließen Bewerbungsfotos machen und sendeten alles per Email an die Praxis. Das war der kleinste und leichteste Teil des Prozesses.

Zwei Tage später meldeten sie sich. Sie würden ihn gerne kennen lernen. In zwei Tagen. Das heißt, wir hatten zwei Tage Zeit um uns auf ein deutsches Vorstellungsgespräch vorzubereiten. Wir gingen häufige Fragen, ihre Bedeutung und ihre Antwort durch. Wir lernten neue Vokabeln. Tagelang hörte man den Römer nur Wörter wie „Dehnen“ und „Ganzheitlich“ murmeln. Gefolgt von „Können Sie sich bitte aufrecht hinsetzen?“, „Was haben Sie für Beschwerden?“ und „Sagen Sie mir, wenn das unangenehm ist!“. Um das Wissen besser wiederholen zu können, übte er diese Sätze mit Karteikarten.

Dann stand das Bewerbungsgespräch an. Man unterhielt sich über die Konditionen und am liebsten, so der Römer, hätten sie ihn morgen anfangen lassen, da es soviel Arbeit gibt. „Morgen“ konnte der Römer nicht anbieten, dafür aber Anfang September.

Als der Römer daheim war, fragte ich ihn, wie sie verblieben sind. Er konnte sich nicht erinnern, er wusste nur, dass er ein sehr positives Gefühl hatte. Das war natürlich ein bisschen wenig Information.

Deswegen schlug ich vor, am nächsten Tag eine Email zu schreiben um noch einmal sein Interesse zu bekunden. Wir formulierten eine sehr nette Email, die offenkundig zeigte, dass er sehr angetan ist. Wenig später kam eine positive Email der beiden Chefs zurück. Sie würden ihn gerne als Praktikant einstellen (zu überaus fairen Konditionen) und er solle sich kurz zurückmelden, dann würde man einen Termin finden um alle Details zu besprechen. Der Römer grinste von einer Backe zur anderen. „Ho capito bene? Mi prendono?!?!?!?“ [Habe ich das richtig verstanden? Die nehmen mich?!?!?!?!] fragte er vollkommen euphorisch und entgeistert. „Esatto!“ [Genau] antwortete ich. Er umarmte mich stürmisch. Dann klopfte er an meinen Bauch: „Hai sentito?! Prendono il tuo papà a lavorare!“ [Hast du das gehört? Sie nehmen deine Papa!] Er konnte sein Glück kaum fassen. „Oggi, pizza per tutti!“ [Heute, Pizza für alle] verkündete er. Ich musste lachen. Er verschwand mit einem „Inizio subito di preparare tutto.“ [Ich fange sofort an, alles vorzubereiten] in die Küche.

Zwei Stunden später saßen wir zufrieden kauend am Esstisch. „Che fortuna che ho!“ [Was für ein Glück ich doch habe] sprach er und konnte immer noch nicht aufhören zu grinsen. „C’è sempre un lato positivo diceva mia nonna. Ed è vero!“ [Es gibt immer auch eine gute Seite sagte meine Oma immer. Und das ist wahr!]

7 Gedanken zu “Sprachlos vor Freude

      • Ich muss jetzt einfach noch einmal meinen Kommentar von damals posten. Über zwei Jahre ist das her:

        „Zumindest jammerst du wie eine 19jährige. Streiten ist sinnlos & bringt euch kein Stück weiter. Nur auseinander. Dein Mann ist nicht doof. Er muss bloß die Sprache lernen. Das dauert halt. Und? Dann geht es eben 2 Jahre nicht in den Urlaub. Oder an die Ostsee statt in die Südsee. Reiß dich mal etwas zusammen.“

        Ein Like habe ich dafür nicht bekommen 😂

        Gefällt 2 Personen

      • 1. Wow! 😮 Das hast du extra nochmal rausgesucht? Chapeau! 😃
        2. Ich kann mich gut daran erinnern u. ich hatte damals so gar keine Lust auf „Kopf waschen lassen“, weil das eine sehr anstrengende Situation war. 🙄😉
        3. Wer hätte damals gedacht, dass du Recht hast? 😄😄
        4. Jetzt grins ich bei dem Kommentar u. denke mir: Wie Recht du doch hattest! 😄
        5. Ein Like kriegst du natürlich jetzt für deine Recherchearbeit UND dein en Kommentar! 😊🤩

        Gefällt 2 Personen

  1. Alles was im Leben geschieht ist immer für einen. Was für ein Glück dein Römer doch hat, dich zu haben. Wie du ihm eine gute Lösung präsentiert hast, Chapeau. Erinnert mich ein bisschen an die Geschichte mit dem geübten Vorstellungsgesprächs mit Turtle.
    Apropos Gespräch, ich liebe die unterhaltsamen witzigen Gespräche, die es zwischen dir und dem Römer gibt. Auch bei ernsten Themen. Bei euch ist einfach Leben.

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